Man sollte nicht davon ausgehen, dass nur Menschen (und zu einem gewissen Teil auch Tiere) in der närrischen Zeit völlig von der Rolle sind und sich benehmen wie kleine Kinder (im besten Fall). Nein, auch Geräte und Anlagen wie beispielsweise Fahrstühle tendieren durchaus dazu, mit dem potentiellen Fahrgast Schabernack zu treiben.
Nehmen wir, nur um die hingeworfene These mit Argumenten zu unterfüttern, den Fahrstuhl, den ich heute Nachmittag gedachte zu benutzen. Nun ist es nicht so, dass mir der Fahrstuhl ein unbekannter wäre. Wir hatten schon des Öfteren das Vergnügen miteinander, und ein jedes Mal brachte er mich freundlich, bestimmt und sanften Wegs in meine gewünschte Etage. Zu sagen, wir hätte ein freundschaftliches Verhältnis, wäre wohl zu viel des Guten, aber man schätzt und respektiert sich.
Vielleicht war auch genau das der Grund, weswegen er mir diesen Streich spielte. Vielleicht hätte er sich das bei einem Fremden nicht getraut, da er dessen Reaktion nicht einschätzen könnte, und am Ende hätte der Fremde den Fahrstuhl beleidigt, ihm Obszönitäten ans Bedienfeld geschleudert oder gar Tritte und Schläge gegen Wände und Tür verpasst, man weiß ja nie, was für Menschen da draußen herumlaufen und gerade jetzt einen Fahrstuhl benutzen wollen.
Vielleicht wäre der Fremde aber auch tief in Gedanken versunken gewesen und hätte gar nicht bemerkt, dass der Fahrstuhl, der bis eben noch treu seinen Dienst verrichtete und eine Person vom einen ins andere Stockwerk beförderte, stattdessen nur einfach die Türen schloss und nach einer kurzen Wartezeit wieder im selben Stockwerk öffnete, und der in Gedanken Verlorene wäre dann wieder ausgestiegen und hätte sich gewundert, aber nur kurz, da er ja eigentlich anderen Gedanken nachhing, dass der Fahrstuhl ziemlich schnell und leise fährt, und wäre dann ziellos im Gebäude umhergeirrt, wie wenn man einer Wegbeschreibung von A nach B getreu folgt, aber bei Punkt C zu laufen beginnt.
Oder vielleicht wäre es ein zutiefst verunsicherter Mensch gewesen, jemand, der beim Bäcker immer mit sehr leiser Stimme spricht, aus Angst, die anderen Kunden könnten ihn hören und auslachen, auch wenn er nicht wüsste, was an der Bestellung einer Brezel so seltsam sein sollte, aber vielleicht lag es ja an ihm, dass er so seltsam aussah oder das Wort "Brezel" falsch betonte oder das geschlungene Gebäck ganz anders heißt und nur er es nicht wusste. Wenn er dann im Fahrstuhl gestanden hätte und sich die Türen einmal, zweimal, dreimal immer wieder im gleichen Stockwerk geöffnet hätten, obwohl er schon einmal, zweimal, dreimal seinen Fahrwunsch ins Bedienfeld eingegeben hatte, den Knopf des zu erfahrenden Stockwerks leicht, fast sanft drückte, er dann noch verunsicherter wieder ausgestiegen wäre, man weiß ja nie, ob der Fahrstuhl nicht einen Defekt hat und beim vierten Mal die Türen gar nicht mehr aufgehen und man den Alarmknopf drücken muss, und dann versteht einen der Mechaniker am anderen Ende gar nicht, weil man so leise spricht, und wenn man dann doch wagt, die Stimme zu erheben, wird man ausgelacht, weil man vielleicht ein Wort falsch betont oder ein ganz falsches Wort benutzt; wenn er dann also ausgestiegen wäre und der Fahrstuhl hätte die Türen geschlossen und wäre dann doch in die gewünschte Etage gefahren, wer weiß, was er dann gedacht oder gar getan hätte, wenn sich jetzt schon Fahrstühle über ihn lustig machen und ihn und seine Bedürfnisse nicht ernst nehmen. Und am Ende hätte sich der Fahrstuhl Vorwürfe gemacht, dass er einen so armen Menschen noch mehr in die Verzweiflung getrieben hätte.
Aber zum Glück hat der Fahrstuhl diesen Streich mir gespielt und keinem anderen. Ich bin dann eben zu Fuß in meine Etage gelaufen und habe dem Fahrstuhl den Vogel gezeigt. Damit muss er nun leben.








