Drachenläufer
USA 2007, 122 min., FSK 12
OT: The Kite Runner
Regie: Marc Forster
Drehbuch: David Benioff
Kamera: Roberto Schaefer
Musik: Alberto Iglesias
Darsteller: Khalid Abdalla, Homayoun Ershadi, Atossa Leoni, Shaun Toub, Zekeria Ebrahimi, Ahmad Khan Mahmidzada
Amir wächst in Afghanistan Ende der 1970er Jahre auf. Die bevorstehende sowjetische Invasion wirft zwar schon ihre Schatten voraus, dennoch führt er ein unbeschwertes Leben, was nicht zuletzt auch der Stellung seines Vaters zu verdanken ist, einem erfolgreichen Geschäftsmann. Amirs bester Freund ist Hassan, der zeitgleich auch der Sohn des Dieners ist. Das ist umso erstaunlicher, als dass die Übergriffe der herrschenden Paschtunen auf die "niederen" Hazara immer weiter zunehmen. Dennoch sind sie unzertrennlich - bis Amir eines Tages einen schweren Verrat an Hassan begeht. Ihre Wege trennen sich, nicht zuletzt durch den Ausbruch des Krieges. Jahre später dann bekommt Amir, längst ein in die USA emigrierter erfolgreicher Schriftsteller, seine Chance zur Wiedergutmachung.
Geschichte lernen leicht gemacht, zumindest in groben Zügen. Veranschaulichte "Persepolis" noch in einer abgespeckten Form den Werdegang des Iran seit dem Ende der 1970er Jahre, so gilt das gleiche in Bezug auf die Geschichte Afghanistans bei "Drachenläufer", wenn auch das nur am Rande, im Mittelpunkte steht klar die Geschichte um Amir. Verglichen jedenfalls mit dem, was wir mittlerweile aus den Nachrichten über dieses Land kennen, wirkt es schon fast wie ein Kulturschock, wie es uns in diesem Film präsentiert wird, auch wenn es sich natürlich um eine Filmversion Afghanistans handelt. Damals gab es zwar auch schon Spannungen zwischen den elitären Paschtunen und der Volksgruppe der Hazara, was der Film ebenfalls nicht ausspart, im Gegenteil, es ist zentraler Handlungspunkt, aber dennoch wirkt das Land fast liberal, auch wenn der bevorstehende Umbruch schon zu spüren ist. Dieses vergangene Afghanistan wirkt bunt, fröhlich, offen, was der Film auch in großartigen Bildern zu vermitteln weiß. Insbesondere die Drachenjagd in der ersten Hälfte des Films ist atemberaubend inszeniert, und man kann verstehen, wieso Tausende von Menschen sich davon angezogen fühlen und mit den Kontrahenten mitfiebern.
Da wirkt dann auch der Talibanstaat, der daraus hervorgegangen ist, wie ein Schlag in die Magengegend - und wird schon fast zu klischeehaft dargestellt, als sich der Peiniger aus Kindheitstagen als Talibanführer in dieser Gegend entpuppt, der gerne auch mal einen kleinen Jungen für sich tanzen lässt. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen, ein wenig Differenzierung hätte gut getan. Aber nicht nur erhält in man Einblick in ein vergangenes Afghanistan, auch das Leben der afghanischen Gemeinde in den USA wird thematisiert, wie sie sich einerseits dem amerikanischen Lebenswandel angepasst hat, es aber auch geschafft haben, ihn mit ihren Traditionen zu verbinden, das Werben um eine Braut, die eventuell damit zusammenhängenden Ständeunterschiede etc.
Aber abgesehen davon steht eindeutig die Geschichte um Schuld und Wiedergutmachung im Mittelpunkt. Eine Geschichte, die sehr glaubwürdig vermittelt wird. Großen Anteil daran haben die zwei hervorragenden Jungschauspieler. Ich hatte es ja kürzlich schon erwähnt, aber normalerweise habe ich ja so meine Probleme mit kindlichen Schauspielern. Vielleicht liegt es an der überzogenen Erwartungshaltung, dass Jungschauspieler, ebenso wie ihre erwachsenen Kollegen, absolut glaubhaft agieren sollen, auch wenn sie vielleicht noch gar nicht deren Erfahrungsschatz aufweisen können. Wie auch immer, hier jedenfalls spielen die bis dato unbekannten Jungen absolut überzeugend. Zu keiner Zeit hat man den Eindruck, das hier gespielt würde, was ein umso größerer Verdienst ist, als dass es für beide ihre erste Filmrolle überhaupt ist und sie auch noch die Hauptlast des Films auf ihren Schultern tragen. Aber auch die "großen" Schauspieler agieren sehr überzeugend. Vor allem der Schauspieler von Amirs Vater steht seinen jungen Kollegen in nichts nach, der stets eine gewisse Würde ausstrahlt, die er auch dann nicht verliert, als er seine privilegierte Stellung in Afghanistan aufgeben muss und einen Job als Tankstellenpächter in den USA annimmt, auch wenn ihm der soziale Abstieg anzumerken ist.
"Drachenläufer" ist ein wahrlich ergreifender und mitreißender Film geworden, nicht nur durch das Thema an sich, sondern auch durch die hervorragenden Darsteller. Abzüge müssen lediglich in der B-Note hingenommen werden, da das Afghanistan der Taliban nach meinem Geschmack zu klischeehaft dargestellt wird, zu sehr schwarz-weiß-gemalt. Marc Forster beweist mit diesem Film jedenfalls ein weiteres Mal, dass er zu den hervorragenden Regisseuren zu zählen ist, seine Vita weist bislang jedenfalls keinen Ausrutscher aus.
Der Nebel
USA 2007, 125 min., FSK 16
OT: The Mist
Regie: Frank Darabont
Buch: Frank Darabont
Kamera: Ronn Schmidt
Musik: Mark Isham
Darsteller: Thomas Jane, Marcia Gay Harden, Laurie Holden, Toby Jones, Andre Braugher, William Sadler
Die Nacht bringt einen schweren Sturm über das kleine Küstenstädtchen herein, der die Stromleitungen kappt und den Ort quasi lahmlegt. Als David Drayton am nächsten Morgen mit seinem Sohn den örtlichen Supermarkt aufsucht, um die nötigsten Reparaturen durchführen zu können, wabert von den nahen Bergen eine dichte Nebelwand heran, die kurz darauf den ganzen Ort einhüllt. Doch es handelt sich um keinen normalen Nebel, denn mit ihm kommen Kreaturen, die Jagd auf alles machen, was sich ungeschützt draußen aufhält. Doch der wahre Horror lauert nicht im Freien, im Supermarkt geraten die Eingeschlossenen mit fortschreitender Gefangenschaft aneinander, prallen die verschiedenen Persönlichkeiten aufeinander, und schnell werden aus kleinen Reibereien lebensbedrohliche Situationen.
Nach "Die Verurteilten" und "The Green Mile" nimmt Frank Darabont ein drittes Mal Platz im Regiestuhl einer Stephen-King-Verfilmung. Die beiden genannten Filme sind Meisterwerke geworden, dementsprechend hoch liegt die Messlatte nun für "Der Nebel", bei dem, im Gegensatz zu anderen beiden Werken, wieder das Übernatürliche im Mittelpunkt steht. Die Kurzgeschichte, auf der dieser Film basiert, gehörte seinerzeit zu einem der beängstigendsten Werke, die ich je gelesen hatte.
Doch, um es gleich vorweg zu nehmen, der Film erreicht zu keiner Zeit die Intensität der Vorlage noch die Meisterklasse von Darabonts anderen King-Verfilmungen, welche zugegebenermaßen aber rein thematisch schwer zu vergleichen sind. Zum einen krankt der Film an der Darstellung der Monster. Diese wirken noch am ehesten, wenn sie nur schemenhaft im Nebel wahrgenommen werden können. Es ist schließlich bekannt, dass man sich vor demjenigen am ehesten fürchtet, das man nicht oder kaum sehen kann. "Alien" beispielsweise ist ein sehr gutes Beispiel, wie man so etwas richtig macht. In "Der Nebel" sieht man jedoch einerseits zu schnell zu viel, andererseits sind die visuellen Effekte, man muss es so sagen, schlicht mies. Wenn sich riesige Tentakel in den Lagerraum des Supermarkts schlängeln, dann sieht man ihnen ihre Herkunft aus dem Computer in jeder Sekunde an, schon allein deswegen hält sich möglicher Horror dezent im Hintergrund, im Gegenteil, es wirkt eher belustigend.
Andererseits wird der Horror im Nebel über weite Strecken vernachlässigt, stattdessen die Grüppchenbildung und die aufgeladene Stimmung im Supermarkt thematisiert. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht derart exzessiv betrieben würde, dass man sich irgendwann fragt, wieso der Film doch gleich "Der Nebel" heißt. Das scheint dann auch dem Drehbuchautor aufgefallen zu sein, den die Szene in der Apotheke wirkt wie in die Handlung geworfen. Und leider sind die Spannungen zwischen den Personen im Supermarkt auch nicht frei von Kritik, im großen Ganzen findet sich dort eine Ansammlung von Stereotypen ein, deren Raum zur Entwicklung ziemlich begrenzt ist.
Dennoch kann man den Film nicht komplett verdammen, auch wenn die Kritik ziemlich massiv klingt. Die Geschichte ist im großen Ganzen ansprechend, und, mit Abstrichen, spannend geraten, und gerade den Horror, der aus zwischenmenschlichen Spannungen entsteht, fand ich schon immer schrecklicher als irgendwelche Monster. Auch man muss den Mut der Filmemacher würdigen, denn das Ende des Films gehört zum Konsequentesten, dessen man je auf der Leinwand ansichtig werden durfte. Meinen Respekt dafür.
"Der Nebel" ist eine gefällige, aber keine überragende King-Verfilmung geworden. Bessere Tricks und weniger Stereotypen hätten dem Film gut getan, und vielleicht ein wenig Straffung im Mittelteil, in dem man sich zu sehr auf die Figuren konzentriert und dabei den eigentlich Aufhänger außer acht lässt. Auch darstellerisch gibt es keine Ausreißer, weder nach oben noch nach unten. Horror- und Stephen-King-Fans können auf diesen Film ruhig einen Blick riskieren.







