Joshua
USA 2007, 106 min., FSK 16
Regie: George Ratliff
Drehbuch: David Gilbert, George Ratliff
Kamera: Benoît Debie
Musik: Nico Muhly
Darsteller: Sam Rockwell, Vera Farmiga, Celia Weston, Dallas Roberts, Michael McKean, Jacob Kogan
Böse Kinder, um es einmal salopp auszudrücken, haben eine lange Tradition im Film. Sei es nun des Teufels Sohn in "Das Omen", das besessene Mädchen in "Der Exorzist" oder auch die ganze Bande in "Dorf der Verdammten" - stets beziehen diese Filme ihren Horror daraus, dass sie die Tatsache pervertieren, dass Kinder in der Gesellschaft normalerweise als Symbol für Reinheit und Unschuld stehen. "Joshua" nun bewegt sich ebenfalls in dieser Tradition des Films, wenn er auch nicht, im Gegensatz zu den oben genannten Werken, das Mystische und Übernatürliche bemüht, sondern letztlich nur das Sitzfleisch der Zuschauer und deren Glaubensbereitschaft.
Die Prämisse des Films, dass ein 9jähriges, hyperintelligentes Balg beginnt, aus Eifersucht auf seine neugeborene Schwester die Eltern zu terrorisieren, mag man noch durchgehen lassen. Die Umsetzung dieser Prämisse jedoch fällt gnadenlos durch. (Ab hier finden sich Spoiler). Man erfährt recht früh, dass die Mutter aufgrund der Geburt Joshuas und dessen ständigen Gebrülls in tiefe Depressionen gestürzt wurde, sie sich letztlich sogar in psychische Behandlung begeben musste. Mal abgesehen davon, dass die Eltern einem hochintelligenten Kind wohl von Anfang an reinen Wein eingeschenkt und nicht heile Welt vorgaukelt hätten, erfährt Joshua davon aus alten Familienvideos, die er sich heimlich ansieht. Mal ehrlich: wer zeichnet seine gerade am Durchdrehen begriffene Frau auf Video auf und löscht das Band anschließend nicht, sondern stellt es säuberlich beschriftet zu den anderen Videos? "Dysfunktionale Familie" kommt mir da am ehesten in den Sinn, jedoch gibt es dafür keinerlei Anzeichen, im Gegenteil. Es scheint, als hätte man dringend eine Möglichkeit gesucht, dass Joshua vom labilen Zustand seiner Mutter erfährt, dabei jedoch eine absolut unglaubwürdige Methode gewählt. Weit simpler und effektiver wäre es gewesen, Joshua hätte seine Eltern schlicht belauscht, die genau dieses Thema wegen der Geburt des kleinen Geschwisterchens sowieso nochmal durchkauen. Aber vielleicht ging es auch nur um die Einstellung Joshuas vor dem Fernseher in einem ansonsten dunklen Raum, was wohl an "Ring" oder "Poltergeist" erinnern soll oder auch nur so unheimlich wirken und seine Schatten vorauswerfen soll.
Auch mag es seltsam anmuten, dass man erst sehr spät die Hilfe eines Kinderpsychologen in Anspruch nimmt, bedenkt man, was zwischenzeitlich alles geschehen ist. Sicherlich will man sich als Elternteil so etwas zu Beginn nicht eingestehen, immerhin ist das eigene Kind immer das folgsamste und netteste der ganzen Welt, aber man muss nun schon ziemlich blind sein, wenn man hier nicht rechtzeitig einschreitet. Und hyperintelligent hin oder her, dass die herbeigerufene Psychologin dann nicht bemerkt, dass sie an der Nase herumgeführt wird, spricht entweder nicht für Frau Doktor oder nicht fürs Drehbuch. Hinzu kommt dann auch noch, dass sich einige Charaktere völlig unglaubwürdig verhalten, so zum Beispiel Papas Chef, der ziemlich gleichgültig ihm gegenüber erscheint, beinahe unfreundlich, ihn am Ende aber aus dem Knast holen soll als guter Freund.
Abgesehen von diesen Schwächen braucht der Film auch noch ewig, bis er in Fahrt kommt. Normalerweise habe ich ja nichts gegen sich nur langsam entwickelnde Handlungen, aber wenn man das Gefühl hat, dass kaum etwas passiert und man sich nach der Hälfte des Films beginnt zu fragen, warum der Film überhaupt "Joshua" heißt, da dieser bis dahin nur am Rande abgehandelt wurde, dann ist irgendetwas schief gelaufen. Zum Ende hin dreht der Film zwar doch noch auf und wird, abzüglich der Unglaubwürdigkeiten, noch richtig böse. Allerdings ist es da schon fast zu spät, um den Film noch zu retten.
Auch auf Darstellerseite gibt es meist nur Durchschnittskost zu vermelden. Vera Farmiga muss im Verlauf des Films wenig mehr tun, als die hysterische Mutter am Rande der Zurechnungsfähigkeit zu geben (mit freundlicher Unterstützung ihrer Nichtfrisur), was ihr allerdings recht gut gelingt. Sam Rockwell spielt anfangs sehr verhalten und darf erst gegen Ende seine übliche Vorstellung mit leicht diabolischen Zügen geben und einige schöne Szenen abliefern. Mit Kinderdarstellern hatte ich schon immer so meine Probleme, nur wenige konnten mich bislang überzeugen (z.B. Haley Joel Osment in "The Sixth Sense" oder Dakota Fanning in "Ich bin Sam"), und auch hier versäumt man es, mich eines Besseren zu belehren.
Unterm Strich bleibt ein löblicher, wenn auch keineswegs neuer, Ansatz, der jedoch durch zu viele Ungereimtheiten und einigen unnötigen Schreckszenen (das übliche überraschende Auftauchen einer Person hinter Kühlschrank- oder sonstigen Türen) fast im Keim erstickt wird. Einzig Menschen, die Kinder partout nicht leiden mögen, dürften sich bestätigt fühlen.
The Darjeeling Limited
USA 2007, 92 min., FSK 6
Regie: Wes Anderson
Buch: Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzman
Kamera: Robert D. Yeoman
Darsteller: Owen Wilson, Jason Schwartzman, Adrien Brody, Amara Karan, Waris Ahluwalia, Anjelica Huston, Bill Murray
Die Brüder Francis, Jack und Peter könnten eigentlich unterschiedlicher nicht sein. Seit einem Jahr, seit der Beerdigung ihres Vaters, haben sie sich nicht mehr gesehen. Nun unternehmen sie zusammen, auf Initiative von Francis, eine Zugfahrt auf dem Darjeeling Limited quer durch Indien, um sich, wie Francis sagt, wieder näher zu kommen. Doch jeder der drei hat seine eigenen Gründe, gerade jetzt diese Zugfahrt zu unternehmen. Peter wird in einem Monat Vater und flieht vor dieser Verantwortung. Jack hat gerade eine Beziehung hinter sich und versucht so viel Distanz zwischen sich und ihr zu bringen, während Francis als einziger den wahren Grund ihrer Fahrt kennt: Ihre Mutter, die vor langer Zeit in ein Kloster nach Indien gegangen ist.
Es ist seltsam mit den Filmen von Wes Anderson, aber entweder hält man sie für Meisterwerke oder absoluten Müll, dazwischen scheint es nichts zu geben. Dabei scheint es vor allem seine Erzählweise zu sein, die vielen Probleme bereitet. Eine eigentlich simple Handlung wird mit allerlei Skurrilitäten und schrägen Dialogen angereichert, dazu kommen noch die typischen Detail verliebten Bilder, nicht selten fast elegisch wirkende Zeitlupensequenzen, und immer nah dran an den Personen, gerne auch frontal aufgenommen, die immer nah an der Karikatur stehen, aber doch sehr menschlich sind, wie du und ich. Dies traf schon bei "The Royal Tenenbaums" und "Die Tiefseetaucher" zu, und auch sein neuester Film "Darjeeling Limited" trägt unzweifelhaft seine Handschrift.
Dabei gibt sich Anderson dieses Mal etwas mystischer als in seinen bisherigen Filmen, was aber vielleicht auch dem Thema des Films und dessen Umgebung geschuldet ist, in der er ihn ansiedelt. Einige Szenen werden erst am Ende des Films klar, andere hingegen setzen ein hohes Maß an Interpretationswillen beim Zuschauer voraus. Ein typisches Beispiel dafür ist die Szene mit dem Geschäftsmann gleich zu Beginn des Films, der in einer halsbrecherischen Fahrt im Taxi quer durch eine indische Stadt hetzt, um noch rechtzeitig den Zug zu erreichen, den er dann letztlich aber doch verpasst, ganz knapp im Laufduell geschlagen. Im Gegensatz zu Peter, der ihn noch überholt und den schon abfahrenden Zug noch erreicht, um dann dem Geschäftsmann noch einen langen Blick hinterherzuwerfen, ehe er den Zug betritt. Hat diese Szene nun eine tiefere Bedeutung, oder sollte er nur auf den Ton des Films einstimmen? Es wird jedenfalls nicht der einzige Fall eines (beinahe) Zuspätkommens sein, es zieht sich quer durch den ganzen Film, als seien verpasste Gelegenheiten der eigentliche rote Faden der Geschichte.
Zum verbesserten Verständnis empfiehlt sich übrigens auch die Kenntnis von "Hotel Chevalier", dem 10-minütigen Kurzfilm und quasi Teil eins von "Darjeeling Limited", der unverständlicherweise in manchen Kinos nicht gezeigt wird (aber YouTube ist dein Freund), der kurz das letzte Aufeinandertreffen von Jack und dessen Ex-Freundin erzählt. Denn durch diesen Film werden einige Handlungsweisen von Jack klarer (man sollte das Verhalten von Jacks Freundin im Kopf behalten). Auch erhält "Darjeeling Limited" noch eine weitere Ebene, denn am Ende sehen wir, dass im Wahrheit zwei Reisen stattgefunden habe, eine äußere im Zug, sowie wie eine innere Reise, eine Art Emanzipation, wenn man so will. Insofern eigentlich eine naheliegende Sache, den Film in Indien anzusiedeln.
Typisch für Anderson ist auch seine Detailverliebtheit, die er an den Tag legt. Jede Einstellung, jede Anordnung eines bilde scheint genau durchgeplant, scheint Bände zu sprechen. Seien es die durchnummerierten Koffer des verstorbenen Vaters aus rotem Leder mit weißen und grünen Jagdhunden oder die Gestaltung des Zugabteils - alles scheint bis zum Schluss durchdacht. In einem jedoch unterscheidet er sich von den bisherigen Filmen: er ist deutlich ernster geworden. Nicht, dass er auf die übliche Figurenzeichnung oder an die Lächerlichkeit grenzende Szenen verzichtet hätte, aber der Unterton ist ernster geworden, der Tod erhält Einzug, als die Brüder vergeblich versuchen, einen Jungen vor dem Ertrinken zu retten, womit sich die Brüder auseinandersetzen müssen und ihnen dadurch auch nochmals der Tod des Vaters vor Augen gerufen wird.
Trotz aller Erzählebenen ist die Handlung dennoch nicht allzu umfangreich geraten. Durch die Darsteller wird aber einiges wett gemacht. Dabei besteht die Darstellerriege zum einen aus für Anderson-Fans alten Bekannten wie Bill Murray und Anjelica Huston, die dieses Mal jedoch nur kleine, dafür aber durchaus wichtige Rollen bekommen haben, oder Owen Wilson, der in der Rolle des Kontrollfreaks Francis vollkommen aufgeht, oder aus quasi Anderson-Neulingen wie Jason Schwartzman als Jack, der auch noch am Drehbuch mitgearbeitet hat, und Adrien Brody als Peter. Sie alle liefern Glanzleistungen ab und überspielen dadurch einige mögliche Handlungsschwächen.
Nur, was soll man alles in allem nun zu dem Film sagen? Mir persönlich hat er sehr gut gefallen, trotz der eigentlich dünnen Handlung, was aber, wie schon erwähnt, durch tolle Darstellerleistungen und einige wirklich tolle Szenen ausgeglichen wurde. Auch sollte man noch den schönen Soundtrack erwähnen, der die entsprechenden Stimmungen toll zu unterstreichen versteht. Aber ob man den Film insgesamt empfehlen kann? Filme von Wes Anderson sind etwas Spezielles, keine Frage. Aber letztlich wird man sich sein eigenes Bild davon machen müssen. Am besten einfach mal den Schritt wagen und den Film ansehen.







