"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
02. Februar 2008
Zum Sterben schön

von baumgarf | 16:17 | kommentieren

Bei den heutigen Grundstückspreisen muss man sich schon wundern, welch riesige Flächen Friedhöfe einnehmen, noch dazu in bester Lage. Nun gut, zumindest in den Großstädten, auf dem Land in den Dörfern ist das noch kein Problem, da ist sowieso jeder um ein paar Ecken mit jedem verwandt, so dass auf dem Friedhof ein großes Familiengrab im Grunde ausreicht, da kann man dann auch mal einen etwas größeren und protzigeren Grabstein springen lassen. Den braucht es auch schon wegen all der Namen und Daten, die darauf Platz finden müssen. Gerüchte, nachdem Kriegerdenkmäle mit der Auflistung der gefallenen Soldaten nur aus Dörfern gestohlene Familiengrabsteine sein sollen, haben sich übrigens im Nachhinein als üble Nachrede und Verleumdung erwiesen.

In grauer Vorzeit wird es übrigens auch nicht viel anders gewesen sein, und wenn heutzutage Archäologen solche Gräber wieder freilegen, reden sie von Massengräbern und was für eine kriegerische und barbarische Zivilisation damals gelebt haben muss. Kaum vorzustellen, was in ferner Zukunft einmal über die Bewohner eines solch beschaulichen Dörfchens gedacht wird, wenn deren Familiengrab wieder zum Vorschein kommt. Andererseits sind sie bis dahin längst zu Staub zerfallen, ihr Interesse daran dürfte sich also in Grenzen halten - bis vielleicht auf ein, zwei Personen, die sich grundsätzlich zu viele Gedanken machen und darüber hinaus vergessen zu leben ("so kann ich mich doch nicht anziehen, was sollen da die Nachbarn denken?"), die restliche Bevölkerung sie demzufolge auch als nicht mehr existent betrachtet. Daher übrigens auch die Redewendung "Du bist für mich gestorben".

Aber überlassen wir das Dörfchen doch seinen eigenen Problemen und kehren zurück zur Friedhofsproblematik in Großstädten. Gerade dort ist die großzügige Bauweise der öffentlich-rechtlichen Verstorbenenendlagerstätten mehr als erstaunlich, bei der einem Toten der gleiche Raum zugestanden wird wie einem Studenten, zudem von letzterem noch erwartet wird, dass er zukünftig einen Beitrag für die Gesellschaft leistet, etwas, was die Leiche schon hinter sich hat, hoffentlich, kann sie es in diesem Zustand ja nicht mehr tun (sofern man einmal von Reinkarnation und von der Zweitverwertung in Geisterbahnen auf dem Rummel als soziale Dienstleistung absieht). Wie also lässt sich diese Raumverschwendung rechtfertigen?

Gar nicht, schon aus moralischen Gründen, denn wozu brauchen Tote eine schöne Aussicht in bester, d.h. ruhiger Lage? Zumal sie die ruhige Lage so oder so haben, im Normalfall bewegen sie sich schließlich nicht mehr, und falls doch, zumindest nicht mehr lange. Die Zeiten, in denen Särge mit Klingeln, Luftlöchern und was weiß ich versehen wurden, falls sich ein Toter als doch nicht ganz so tot wie befürchtet oder erhofft entpuppt, sind vorbei, die Wissenschaft hat riesige Fortschritte gemacht, den Tod einer Person eindeutig festzustellen, hin und wieder auch auf Drängen der Erben. Aber wie sollte dann die moralisch vertretbare letzte Ruhestätte der Zukunft aussehen? Nur ein Zyniker würde sagen, theoretisch genüge ein kleines Stück Land als Knochengarten, nicht größer als ein Vorgarten, mit nur einem einzigen Grabstein, schließlich sei immerzu die Rede von der "anonymen Großstadt", also wozu benötige man mehr als einen? Man könne doch einen Blankostein aufstellen, ohne Inschrift, und die Trauergemeinde denkt sich dann ihren Teil, d.h. den passenden Verstorbenen. Ich als Zyniker sage, die Idee ist nicht schlecht, aber derart anonym ist keine Großstadt, dass man seine eigenen Verwandten nicht mehr kennt (auch wenn man sich das für manche wünschen würde). Ergo würde ich den Grabstein mit einer LED-Laufschrift ausstatten, die von einer Chipkarte die Daten des Verstorbenen lädt, d.h. Name, Geburts- und Sterbedatum, vielleicht noch ein aufmunternder Spruch ("keine Sorge, mir geht's gut, die Erde ist guter Mutterboden", "mehr Erde, micht friert's" o.ä.).

Wem das allerdings zu pietätlos ist, was ich in gewisser Weise nachvollziehen kann (LEDs sind eben nicht jedermanns Sache), für den gäbe es noch eine andere Möglichkeit, im Sinne des Venetian Hotels in Las Vegas. Die meisten deutschen Großstädte haben leerstehende Büroräume, oft sogar ganze Etagen. Wieso also sollte man nicht ein solches Stockwerk zum Friedhof umbauen? Komplett mit Rollrasen, ein paar Bäumen (es gibt täuschend echte aus Plastik, da spart man sich schon den Gärtner), Kieswegen, einer Sitzbank, eben alles, was einen Friedhof ausmacht. Und unter einer Trauerweide, stilecht, findet sich dann die für jeden Besucher selbe Grabstelle, von einem einzelnen Sonnenstrahl (sprich: Flutlichtstrahler) umschmeichelt. Die Grabsteine sind alle in einem zentralen Lager untergebracht, und auf Anforderung, mittels Chipkarte oder einer PIN, wird der passende Stein mechanisch aus dem Lager geholt und an den Platz unter der Weide gestellt. Technisch ist es auch möglich, die Tränen der trauernden Angehörigen über eine Tränenrückgewinnungsanlage aufzusammeln und zum Gießen des Baumes zu verwenden, sollte man sich doch für ein naturidentisches Produkt entscheiden.

Wer übrigens einen Pro-Account des sogenannten "Traur©"-Dienstes erworben hat, bekommt sogar ein paar Blumen oder immergrüne Pflanzen aufs Grab spendiert, und eine Windmaschine zaubert ein laues Lüftchen, das sanft mit dem Trauerschleier spielt, während digitale Schäfchenwolken über den künstlichen Himmel dahingleiten und täuschend echtes Vogelgezwitscher aus den versteckten Lautsprechern erklingt. Auf zusätzlichen Wunsch lässt sich auch noch die obligatorische Geräuschkulisse aus Rasenmäher, Kehrwagen und Bagger einblenden, die man bei schönem Wetter auf jedem altmodischen Friedhof vernehmen kann, und ein paar Schnecken werden ausgesetzt, die sich über die Blumen auf dem Grab hermachen.

Als letztes Problem bliebe dann nur noch die Entsorgungsfrage des Verstorbenen zu klären, denn es ist unschwer zu erkennen, dass er im umgewandelten Bürogebäude keinen Platz findet, schließlich vegetieren in den anderen Stockwerken schon die Lebenden vor sich hin. Und so viele Geisterbahnen gibt es dann doch nicht, um alle Leichen zweckdienlich unterbringen zu können, dafür werden nur die besten ausgewählt. Demise of the fittest. Deswegen sollte der Verstorbene erstmal platzsparend eingeäschert werden, sofern Krematorien nach Einführung des Rauchverbots und der Umweltzonen zwecks Feinstaub überhaupt noch zugelassen sind. Und anschließend steht es den Hinterbliebenen frei, die Asche mit nach Hause zu nehmen und dem Verstorbenen eine Wiedergeburt als Pflanze zu ermöglichen. Denn Asche ist ein guter Dünger, über den sich der Ficus benjamini mit Sicherheit freut. Auferstanden aus Ruinen...

 
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