"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
17. Januar 2008
Kinowoche 52/07:
1 Mord für 2

von baumgarf | 15:49 | kommentieren

1 Mord für 2

1 Mord für 2 7 von 10 USA 2007, 86 min., FSK 12
OT: Sleuth

Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Harold Pinter
Kamera: Haris Zambarloukos
Musik: Patrick Doyle
Darsteller: Jude Law, Michael Caine, Harold Pinter

Homepage, imdb

Kino bzw. Film ist quasi Theater ohne die Limitierung der Bühne. Ausgedehnte und weitläufige Sets oder auch die mittlerweile so beliebten Massenschlachten sind auf der Bühne nicht oder nur sehr begrenzt darstellbar. Dennoch kommt es immer wieder zu Annäherungen, sei es bspw. durch Lars von Triers noch fertigzustellender Amerika-Trilogie ("Dogville" und "Manderlay"), die buchstäblich Theater im Kino bietet (die Szenerie besteht nur aus auf einem Holzboden aufgemalten Umrissen, Gegenstände werden bis auf wenige Ausnahmen nur mit Geräuschen dargestellt), oder durch die Adaption von Bühnenwerken (die nach Ansicht einiger auch genau da hingehören und auf der Leinwand nichts verloren haben). Einigen dieser Adaptionen merkt man ihre Herkunft auch an (auf die sich die Kritik des eben genannten Personenkreis hauptsächlich bezieht), da sie größtenteils von ihren Dialogen leben und weniger von der Szenerie, die teils spartanisch wirkt. Einige der besten Filme sind so entstanden ("Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", "Die Katze auf dem heißen Blechdach", "Hautnah"), zudem bringen sie diese Stücke einem breiteren Publikum nahe.

"1 Mord für 2" nun ist nicht nur die Adaption des Bühnenstückes "Sleuth" von Anthony Shaffer, es spiegelt auch die derzeitige Unsitte Hollywoods wieder, aus allem und jedem ein Remake zu zimmern. Im phantastischen Original von 1972 (unter dem Namen "Mord mit kleinen Fehlern" bekannt) brillierten Laurence Olivier als herablassender und wohlhabender Autor und Michael Caine als scheinbar naiver und geringverdienender Liebhaber. Im Remake nun hat Michael Caine die Seite gewechselt und mimt nun jenen Autor, während Jude Law Caines alte Rolle übernimmt (wieder einmal nach "Alfie").

Bevor wir jedoch zum Film an sich kommen, werfen wir erst noch einen Blick auf die Mannschaft dahinter. Eigentlich kann der Film nichts falsch machen. Zwei hervorragende Darsteller vor der Kamera, die einmal mehr zeigen, dass sie zurecht zu den besten Darstellern ihrer Generation zählen, Kenneth Branagh im Regiestuhl, der sich vor allem mit Shakespeare-Adaptionen einen Namen gemacht hat, und mit Harold Pinter einen Literaturnobelpreisträger als Drehbuchautor. Hier wird deutlich geklotzt, nicht gekleckert. Dennoch, und soviel sei hier schon gesagt, kann der Film nicht voll überzeugen.

Es ist schwer, diesen Film zu besprechen, aus zweierlei Gründen: Erstens kommt man schnell in die Lage, zu viel über die Handlung des Films zu verraten, was das Sehvergnügen deutlich schmälern würde, denn je weniger man darüber weiß, desto besser; und zweitens, und das ist meine persönliche Schwierigkeit, fällt es mir schwer, den Film als eigenes Werk zu betrachten, losgelöst von der Originalversion von 1972, die ich für einen der besten Film halte. Aber versuchen wir's.

Andrew Wyke ist ein erfolgreicher Autor von Kriminalromanen, der es damit zu einem ansehnlichen Vermögen und einem riesigen Anwesen gebracht hat. Milo Tindle hingegen ist ein Gelegenheitsschauspieler und Friseur, der außer Träumen kaum etwas zu bieten hat und sich gerade so über Wasser hält. Allerdings hat er eine Affäre mit Wykes Frau. Dieser bittet ihn nun zu einem Besuch auf seinem Anwesen.

Mehr kann und will ich nicht zur Handlung sagen, ohne zu viel zu verraten und dem Film Spannung und Vergnügen zu schmälern. Deswegen gilt ab hier: Weiterlesen auf eigene Gefahr. Wer den Film noch unvoreingenommen sehen möchte, springt am besten direkt zum letzten Absatz, auch wenn ich mich bemühe, nicht allzu viel der Handlung zu verraten.

Bei Ansehen des Films fällt mir immer das Lied "Games Without Frontiers" von Peter Gabriel, denn letzten Endes geht es genau darum, um Spiele ohne Grenze. Hier prallen zwei auf den ersten Blick ehrbare Personen aufeinander, die sich jedoch relativ schnell entzaubern und die moralischen Abgründe offenbaren, die in ihnen lauern. Versicherungsbetrug, Diebstahl, Demütigungen bis hin zur seelischen; für ihren eigenen Vorteil sind beide dazu bereit, die moralischen Grenzen zu überschreiten. In dieser Hinsicht steht der Film in bester Tradition von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", in dem die Stellschraube im nächsten Spielchen immer um noch einen Zahn angezogen wird. Es ist ein Kampf der Geister, wer den anderen psychisch niederringt, gewinnt.

Der Film lässt sich grob in drei Akte einteilen. Der erste Akt ist zugleich auch der beste. Er brilliert mit Wortgefechten der feinsten Art, mit geschliffenen Dialogen und Szenen, aus denen der Zuschauer vorerst nicht schlau werden kann und soll. Michael Caine und Jude Law spielen sich die Bälle zu, dass es eine Freude ist und man mit den Ohren schlackert. Der erste Akt steht dem Original denn auch in nichts nach.

Auch der zweite Akt bewegt sich nah am Original. Hier ist es vor allem Jude Law, der überzeugt mit einer völlig anderen Darbietung wie noch gerade eben. Grob gesagt, in Akt eins übernimmt Michael Caine den aktiven Part und demütigt Jude Law, in Akt zwei wird Jude Law diese Ehre zuteil. Akt drei fällt dagegen ziemlich deutlich ab und will so gar nicht zum Rest passen. Hier weicht der Film auch deutlich vom Original ab. Die homoerotische Komponente wirkt gekünstelt und aufgesetzt, es ist schwer vorstellbar, dass die beiden Charaktere, die sich gerade eben noch gegenseitig bis aufs Blut gedemütigt haben, sich gegenseitig offenbaren und es in Betracht ziehen, gemeinsam auf dem Anwesen zu leben. Dass eine Person hier auch ein Spielchen treibt, ist ziemlich klar, dennoch verfehlt es deutlich die vermutlich gewünscht, schockierende Wirkung. Warum man hier ohne Not vom Original abweicht, kann sich mir nicht erschließen. Fast scheint es so, als wollte man nicht nur das Szenenbild modernisieren (damals ein altehrwürdiges Anwesen gegenüber einem fast steril wirkenden, mit moderner Kunst angefüllten Kasten, als wolle man die Gefühlskälte der zwei Hauptfiguren bildlich veranschaulichen) und die Dialoge aufpeppen (die nun deutlich vulgärer ausgefallen sind), sondern auch die Handlung dem heutigen Zeitgeist anpassen. Der Versuch jedenfalls ist gründlich schiefgegangen.

"1 Mord für 2" ist ein guter Film, jedoch mit Abzügen in der B-Note. Dennoch sollte man ihn einmal gesehen haben. Zum einen wegen der klasse Darstellerleistungen, zum anderen wegen der perfiden Handlung, die trotz eines schwächelnden dritten Aktes zu fesseln vermag, wahrscheinlich sogar stärker, wenn man das Original nicht kennt. Außerdem ist die Urversion nur sehr schwer zu bekommen, in Deutschland wurde sich bis dato noch nicht auf DVD veröffentlicht, und nur die wenigsten Videotheken dürften englische Silberscheiben im Angebot haben, und wenn, dann wohl auch nur die bekannten und neueren Filme. Als Stuttgarter hat man aber das Glück, mit der Filmgalerie 451 die wohl beste Videothek an der Hand zu haben, die diesen Film auch führt.

 
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