"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
11. Dezember 2007
Kinowoche 49/07:
Ich weiß, wer mich getötet hat / Persepolis

von baumgarf | 17:40 | kommentieren | kommentare (1)

Ich weiß, wer mich getötet hat

Ich weiß, wer mich getötet hat 1 von 10 USA 2007, 105 min., FSK 16
OT: I Know Who Killed Me

Regie: Chris Sivertson
Drehbuch: Jeffrey Hammond
Kamera: John R. Leonetti
Musik: Joel McNeely
Darsteller: Lindsay Lohan, Julia Ormond, Neil McDonough, Brian Geraghty

Homepage, imdb

Huiuiui! Dreh dich nicht um, der Serienkiller geht um! Und auch noch ein ganz ein schlimmer mit einer Affinität für blaue Dinge. Er entführt junge Mädels, um sie nach tage- und wochenlanger Folter, in denen ihnen mit blauen Glasinstrumenten (die aber nach Plastik aussehen), Finger, Arme und Beine amputiert werden, zum Sterben in die Wildnis setzt. So geschieht es dann auch Aubrey Fleming, die sich im Handumdrehen auf dem weißen Leichenwaschtisch der Blue Man Group wiederfindet. Knappe drei Wochen später fischt man sie aus dem Straßengraben, um einen Arm, ein Bein und, so zumindest scheint es im weiteren Verlauf des Films, um eine Hirnhälfte ärmer. Allerdings behauptet sie nun, gar nicht Aubrey zu sein, sondern auf den Namen Dakota Moss zu hören, und dass Aubrey sich noch immer in der Gewalt des pösen Purschen befindet.

Zuerst das Positive: Das Plakat sieht recht schnieke aus. Und es fängt auch recht gut an, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt (etwa ein bis zwei Minuten), in dem Fräulein Lohan, bewehrt mit künstlicher Intelligenz (Brille), beginnt, in ihrem Schreibkurs ihre jüngst verfasst Geschichte zum Besten zu geben, die sich aber leider anhört wie ein mittelmäßiger Loreroman. Das Dumme ist nur, der komplette Film hört sich so an. Und schon sind wir auf der Sollseite dieses Machwerks. Denn wenn man sich den ... Film so betrachtet, und unweigerlich auch anhört, könnte man zwangsweise zu dem Schluss kommen, dass der Drehbuchstreik in Hollywood schon weit länger im Gang ist als gedacht.

Denn was uns willigen Zuschauern hier kredenzt wird, ist schon beinahe eine Unverschämtheit zu nennen. Vielleicht fahren jüngere Zuschauer, vor allem männliche, darauf ab, weil sie entweder noch kaum Filmerfahrung haben oder auf Miss Lohan stehen, aber erwachsenen Menschen muss zwangsläufig die Kinnlade derart weit offenstehen, dass man mit dem Unterkiefer bequem das auf den Boden gefallene Popcorn auflesen kann. Allerdings könnte es durchaus sein, dass gerade ein pubertierendes Männervolk als Zielgruppe anvisiert wurde, anders lassen sich manche Szenen schlicht nicht erklären, wie beispielsweise Frau Lohans sich wie Kaugummi ziehende, gänzlich unerotische Stripszenen oder eine der unmotiviertesten Bettszenen überhaupt, die keinen anderen Nährwert hat als ihren nackten Rücken in die Kamera zu rücken (haha).

Allerdings gibt es auch einige Szenen, die dieser meiner These widersprechen. Gänzlich teenageruntauglich faulen in Großaufnahme Finger ab, wird eine Hand abgetrennt, die zuvor mit Trockeneis blau gefroren wird, dass sich die Haut ablöst. Alles sehr "schöne" Szenen, die so gar nicht zum restlichen Film passen wollen, so dass sich die Vermutung geradezu aufdrängt, diese Szenen sind nur deshalb so ausführlich geraten, weil sogenannter Torture Porn gerade schick ist ("Hostel", "The Devil's Rejects", "Saw 1-2645365") und man auf dieser Welle mitschwimmen wollte.

Ich wäre ja schon froh gewesen, wenn das die einzigen zu beanstandenden Kritikpunkte gewesen wären. Aber ach, es kommt noch dicker. Scheinbar hat der Drehbuchautor irgendwo und irgendwann einmal mitbekommen, dass es ganz toll ist, in einem Film einen Farbcode zu verwenden, der unterschwellig Hinweise darauf gibt, wie der Hase wirklich läuft. Wenn man das richtig macht, subtil, kann es der Atmosphäre eines Films durchaus einträglich sein (siehe z.B. "The Sixth Sense"). Man kann natürlich auch den Holzhammer auspacken, die Bilder mal in Blau, mal in Rot tauchen (wer jetzt glaubt, diese Farbauswahl wurde nur deshalb getroffen, weil die Leuchten auf den US-Streifenwagen genau diese Farben haben und man damit den vermeintlich zwiespältigen Charakter von La Lohan schön darstellen kann, liegt vermutlich richtig), und schwupps! ist der Film derart überfrachtet, dass es eigentlich keine Überraschungen mehr gibt. Der Killer ist recht bald identifiziert, und das es nicht nur eine, sondern zwei Lohans gibt (das ist der wahre Horror), reißt auch nicht vom Hocker (außerdem hatten wir das schon mal vor ein paar Jahren, als sie zwölfjährig in der Kästnerverfilmung "Das doppelte Lottchen" vor der Kamera stand; hier also quasi die Erwachsenenversion).

Wenn das alles den Film schon nach unten drückt, muss man dann noch die Schauspieler erwähnen? Der Vollständigkeit halber sollte man es schon. Über Frau Lohan muss man nicht mehr viel sagen. Ihre Darstellung schwankt zwischen Gesichtslähmung und Leidensmiene in den Folterszenen, die aber auch eine Magenverstimmung oder Drogenentzug anzeigen könnten. Was Julia "Smilla" Ormond in diesem Film verloren hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber auch sie kann gegen das dämliche Drehbuch und dessen Holzschnittdialoge nicht ankämpfen. Genausowenig wie die Schauspieler, welche die Polizistendarsteller mimen dürfen, die eben das sagen, was man von Polizisten mit Serienkillerfall so erwartet, nur schlechter und weniger überzeugend. Auch der Killer chargiert derart überzogen, wie man es normalerweise aus Filmen zu Beginn der Stummfilmära gewohnt ist.

"Ich weiß, wer mich getötet hat" überzeugt in keinster Weise, um es noch freundlich zu sagen. Noch nicht einmal der bescheuerte Titel passt, der so gut wie am Film vorbei tituliert wurde. Szenen reihen sich an Szenen, die an Lächerlichkeit nicht zu überbieten sind, wie beispielsweise die batteriebetriebene Beinprothese mit Ladestandsanzeige, deren Vorhandensein nichts, aber auch gar nichts mit dem Film zu tun hat (auch wenn sie einmal bedeutungsschwanger mit schwachem Akku - natürlich im Herzschlagfinale - ins Bild gehalten wird); und Logiklöcher, in denen man ganze Kleinstädte versenken könnte. Fassen wir zusammen: Es heißt, manche Filme kann man ertragen, wenn man davor etwas getrunken hat. Aber bevor dieser Film ansehbar wird, liegt man längstens mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus.


Persepolis

Persepolis 9 von 10 F/USA 2007, 96 min., FSK 12

Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud
Buch: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud
Musik: Olivier Bernet
Sprecher: Jasmin Tabatabai, Nadja Tiller, Hanns Zischler, Eva Kryll, Marcus Off

Homepage, imdb

So interessant Geschichte auch ist, die meisten Menschen kann man mit der bloßen Erwähnung in einen Schockzustand versetzen - wahrscheinlich Ergebnis einer jahrelangen Dauerspülung durch die Medien mit dem Thema Dritten Reich und/oder einschläferndem Unterricht während der Schulzeit. So vergisst man beispielsweise leicht, dass der erste Golfkrieg nicht durch Papa Bush Anfang der 1990er Jahre ausgelöst wurde, sondern schon 1980 mit nur passiver Beteiligung (Waffenlieferung) des Westens zwischen dem Irak und dem Iran stattgefunden hat. Oder das es noch gar nicht so lange her ist, dass der Iran eine Monarchie war. "Persepolis" nun macht sich daran, diese Wissenslücken zu füllen. Allerdings nicht im belehrenden Guido-Knopp-Stil, der zu nervösen Zuckungen Richtung Fernbedienung führt, sondern verpackt in die Lebensgeschichte von Autorin und Regisseurin Marjane Satrapi, die mit der Verfilmung ihres gleichnamigen Comics die Geschichte ihres Landes spielerisch vermittelt.

Marjane Satrapi wächst in Teheran auf, zu Zeiten, in denen das Reich des Shahs in seinen letzten Zügen liegt. Als kleines Mädchen erlebt sie mit, wie 1979 der Shah gestürzt und nach der Islamischen Revolution die Theokratie im Iran installiert wird. Bald schon gerät sie und ihre Familie, freidenkende liberale Menschen, mit dem neuen System in Konflikt. Zusätzlich bricht ein Jahr später der Golfkrieg über sie herein. Um sie zu schützen, wird die mittlerweile herangewachsene und forsche Marji von ihren Eltern nach Wien geschickt, wo sie sich in der ungewohnten Welt behaupten muss.

Man darf sich von dem Film nicht täuschen lassen. Rein äußerlich wirkt er mit seinen zumeist schwarz-weißen Bildern (nur die Gegenwart ist farbig dargestellt), seinen beinahe kindlichen Zeichnungen harmlos und unschuldig. Doch unter der Oberfläche entfaltet sich ein drastisches Zeitengemälde, dass durch eben jene vereinfachte Darstellung noch stärker zur Geltung kommt, den Kontrast noch vergrößert. Seien es die Drangsalierungen durch die Polizei, der Tod eines Bekannten nach einer Verfolgungsjagd durch die Polizei im Zuge einer illegalen Party (westliche Musik ist verpönt, ebenso das laszive Zusammentreffen beider Geschlechter) oder die Auswirkungen des Golfkrieges.

Trotzdem gelingt dem Film der Spagat zwischen ernsthaftem Thema und Unterhaltung. Satirisch wird hier mit dem Gottesstaat abgerechnet, werden dessen Argumente und Vorschriften der Lächerlichkeit preisgegeben, wie bspw. die Diskussion an der Universität über die Kleiderordnung, dass Frauen noch weitere Gewänder tragen sollen, weil sie noch zu aufreizend sind, während die Männer in hautengen, alles zeigenden Hosen herumlümmeln. Parallel dazu erzählt Marjane augenzwinkernd von ihrem eigenen Leben, ihrer ersten Liebe, ihrer Musik und natürlich ihrer Großmutter, zu der sie ein besonderes Verhältnis pflegt. Und auch wenn Marji die Hauptfigur des Films ist, so ist doch auch die Großmutter ständig präsent, denn sie bildet quasi das Gewissen Marjis. Ihre Ratschläge und ihre Meinung sind Marji immer wichtig, sie ist eine Art beste Freundin.

"Persepolis" steht in bester Tradition von Filmen wie "Wenn der Wind weht", "Die letzten Glühwürmchen" oder auch dem Comic "Maus", die alle ein ernsthaftes, beklemmendes Thema unterhaltend, aber nicht weniger erschreckend aufgearbeitet haben. Letzterer hat nach eigenem Bekunden von Marjane Satrapi auch als Vorbild für ihren Comic, und damit letzten Endes auch für den Film, gedient. Man kann sich nur wünschen, dass der Film, trotz des etwas abrupten Endes, ein großes und aufgeschlossenes Publikum findet.

 
Kommentare

# 1 von Sympatexter | 11.12.2007 | 18:39

Im Handumdrehen. Hahaha... Oder vielleicht lieber im Handabhacken? Wer weiß, wie der Psycho ihr den Arm gekürzt hat.

 
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