Gone Baby Gone
USA 2007, 115 min., FSK 16
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard
Kamera: John Toll
Musik: Harry Gregson-Williams
Darsteller: Casey Affleck, Michelle Monaghan, Ed Harris, Morgan Freeman, Amy Ryan, John Ashton
Die kleine Amanda McCready wird entführt, ohne Lösegeldforderung. Die Polizei tritt auf der Stelle, so dass die Tante des verschwundenen Mädchens entschließt, nicht unbedingt zur Freude der Polizei, die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angie Gennaro zu engagieren. Allerdings nicht wegen ihrer Befähigung, die sie in punkto Entführung nicht haben, wie sie offen zugeben, sondern weil sie in der Nachbarschaft aufgewachsen sind und so vielleicht eher etwas in Erfahrung bringen können als die von der im Viertel misstrauisch beäugten Polizisten. Doch der Fall hält noch einige moralische Konflikte bereit, die sie auch persönlich treffen werden.
Ganz schön harten Tobak hat sich da Ben Affleck für sein Regie-Debüt ausgesucht. Immerhin wurde der Filmstart in Großbritannien wegen der inhaltlichen Nähe zum Madeleine-Fall auf unbestimmte Zeit verschoben. Durchaus verständlich, ist das zentrale Thema des Films doch das Verschwinden eines vierjährigen Mädchens. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Denn während in der Realität die Eltern verzweifelt nach ihrer Tochter suchen (und hoffentlich noch finden), scheint es der Mutter im Film zunächst relativ egal zu sein, was mit ihrem kleinen Mädchen passiert.
Dabei scheint sie aber nicht allein zu sein. Ihr und ihrer angeblich besten Freundin steht der Sinn mehr nach der täglichen Seife in der Glotze. Vielleicht nur als Ablenkung, aber andererseits gibt sich die junge, drogenabhängige Mutter mehr als unnahbar. Damit passt sie aber ins Bild, das man vom Viertel bekommt. Das Lokalkolorit, das der Film verströmt, hat Ben Affleck perfekt eingefangen. Dorchester, so der Name des Bostoner Viertels, ist dreckig, verrucht, von seltsamen Vögeln behaust, die mehr Interesse am Medienrummel oder ihren eigenen Angelegenheiten zu haben scheinen als am Wiederfinden der kleinen Amanda selbst. Das alles macht einen besonderen Reiz des Films aus, Dorchester selbst ist fast als eigenständiger Charakter zu begreifen.
Wo wir schon bei den Charakteren an sich sind: zunächst durfte man ja skeptisch sein, dass Ben Affleck ausgerechnet seinen jüngeren Bruder Casey in der Hauptrolle besetzte, kannte man diesen doch bislang nur als Nebendarsteller in wenig anspruchsvollen Rollen. Aber man muss zugestehen, die Rechnung ist voll aufgegangen, einen anderen Schauspieler könnte man sich in der Rolle nicht mehr vorstellen. Eine wahrlich überzeugende Leistung. Dahinter verblassen die restlichen Rollen etwas. Ed Harris und Morgan Freeman spielen gewohnt routiniert und schnörkellos. Nur schade, dass Michelle Monaghan, entgegen meiner Erwartung, wieder einmal eine undankbare Rolle erwischt hat. Sie wirkt wie schmückendes Beiwerk, im Grunde genommen wäre es relativ egal gewesen, ob ihr Charakter im Film auftaucht oder nicht. Positiv hervorheben sollte man allerdings noch die relativ unbekannte Amy Ryan als Amandas Mutter Helene, die ein ebenfalls beeindruckendes Spiel liefert.
"Gone Baby Gone", basierend auf einem Roman von Denis Lehane, der schon für die Romanvorlage zu dem ebenfalls ausgezeichneten "Mystic River" verantwortlich zeigte, ist ein unaufgeregter Film, der seine Spannung aus der Handlung und den moralischen Dilemmata bezieht, in welche die Hauptcharaktere im Verlauf des Films geraten, anstatt aus wilden Verfolgungsjagden oder Schießereien. Dieselben moralischen Dilemmata wird man als Zuschauer übrigens ebenfalls beantworten müssen, denn auch wenn der Film letzten Endes Lösungen präsentiert, müssen diese nicht der Weisheit letzter Schuss sein.
Die Legende von Beowulf
USA 2007, 114 min., FSK 12
OT: Beowulf
Regie: Robert Zemeckis
Buch: Neil Gaiman, Roger Avary
Kamera: Robert Presley
Musik: Alan silvestri
Darsteller: Ray Winstone, Anthony Hopkins, Robin Wright Penn, John Malkovich, Brendan Gleeson, Alison Lohman, Angelina Jolie, Crispin Glover
Das Königreich Hrothgars wird vom Monster Grendel bedroht. Viele Krieger Hrothgars sind schon gefallen bei dem Versuch, das Ungetüm zu töten. In seiner Not verspricht Hrothgar demjenigen, dem es gelingt, Grendel zu töten, sein halbes Königreich. Den Ruf vernimmt Beowulf, von Beruf Held, der sich nicht lange bitten lässt und Grendel im Kampf Mann gegen ... Mann besiegt. Doch damit nimmt das Unheil erst seinen Lauf, denn Grendels Mutter ist vom Tod ihres Jungen wenig begeistert.
Um Homer Simpson zu zitieren: "Laaaaaaaaangweilig!" Und könnte mal bitte jemand nachsehen, ob sie bei Madame Tussaud's noch alle Figuren stehen haben? So viel zum Film "Beowulf", betitel nach der Hauptfigur (was dieser bestimmt gut gefallen würde), in aller Kürze. Aber nun etwas ausführlicher (inkl. Spoilern).
Zuerst einmal: Hätte sich der Film ebenso kurz gefasst wie ich noch gerade eben, wäre er zwar nicht deutlich, aber doch besser gewesen. Denn die kaum vorhandene Geschichte zieht sich wie Kaugummi über die knapp zwei Stunden Laufzeit. Wegen mir braucht ein Film nicht viel Tamtam, um interessant zu sein. Aber wenn drei Actionszenen (von denen eine reichlich lächerlich geraten ist, dazu gleich mehr) sozusagen eine große Klammer bilden (zwei zu Beginn, eine am Schluss), die mit fast nichts gefüllt ist, dann darf man mit Fug und Recht in Gähnen verfallen. So muss man sich das erste Wüten Grendels schon teuer mit einem in die Länge gezogenen Besäufnis in Hrothgars Halle erkaufen, eine Szene, die in meinen Augen nichts anderes im Sinn hat als mit der, zugegeben, großartigen Grafik und den 3D-Effekten zu protzen.
A propos Protzen: Ich weiß nicht, was die Herren Gaiman und Avary dabei geritten hat, aber Beowulf ist ein derartiger Unsymphath, ein Prahlhans, wie er im Buche steht, dass es mir persönlich herzlich egal gewesen wäre, wenn ihn Grendel in der Luft zerfetzt hätte (was er durchaus kann). Das ist übrigens ebenfalls ein großes Manko des Films: es gibt keinen Sympathieträger. Dabei wird teilweise ziemlich plump versucht, so etwas wie Mitgefühl und Verständnis mit einer Figur aufzubauen, wird ihr noch der Hauch eines Profils übergestreift, wohl damit es den Zuschauer noch mehr schmerzt, wenn Grendel dessen Kopf keine fünf Minuten später als Kaugummiersatz missbraucht. Zumindest bei mir ist die Rechnung aber nicht aufgegangen.
Danach dümpelt der Film in der Belanglosigkeit dahin, während der Zeit Beowulf zum König wird, nachdem der alte Herr bewusst den falschen Ausgang aus dem Turm gewählt hat, und noch ein paar Frauengeschichten am laufen hat - ebenfalls nur für den Sympathieeffekt, so mein Eindruck, damit man etwas zum Mitleiden hat, wenn der große Drache am Ende die Burg heimsucht. Glücklicherweise kommt diese Heimsuchung noch gerade rechtzeitig, bevor man in Orpheus' Armen versinkt.
Bevor wir jedoch die Akte "Beowulf" endgültig schließen und der Rundablage übergeben, sollte auch noch das Positive erwähnt werden. Einerseits ist die Verneigung vor dem Originaltext zu erwähnen. Das Monster Grendel spricht die meiste Zeit über Altenglisch. Ein sehr nette Idee. Weniger nett ist der Akzent, den Grendels Mutter zum besten gibt, der absolut unnnötig ist. Andererseits ist da die Grafik, die, wie oben schon kurz angesprochen, wahrlich atemberaubend ist. Wenn die Geschichte an sich schon nichts bietet, sollte man sich zumindest am Kinotag, wenn der Eintritt kaum etwas kostet, den Film unter den technischen Aspekten zu Gemüte führen - wenn das Kino den Film in 3D zeigt. Der Film ist derart plastisch geraten, das es eine wahre Freude ist. Pfeile fliegen direkt auf einen zu, eine Lanze ist kurz davor, den Zuschauer aufzuspießen etc. Die Figuren selbst sind ebenfalls perfekt animiert und wahrscheinlich das Beste, was man derzeit mit einem Computer erreichen kann.
Dummerweise, und da sind wir schon wieder bei den negativen Dingen, ist das nicht genug, um den Figuren auch so etwas wie eine Seele zu verleihen. Sie wirken ausdruckslos, schlicht nicht überzeugend, zum Leben erweckte Wachsfiguren. Besonders schlimm ist dies mit Wealthow geraten, Hrothgars Frau. Man kann erkennen, dass die Schauspielerin Robin Wright Penn daruntersteckt, aber die Mimik ist doch sehr begrenzt. Es wäre glaubwürdiger, wenn sie einen Docht im Kopf hätte als eine Krone auf demselben. Das ist überhaupt ärgerlich. Es hätte den Machern des Films doch eigentlich auffallen müssen, dass die Figuren nicht authentisch wirken. Sicherlich ist das ein Animationsfilm, bei dem nicht alles perfekt sein muss, aber wenn die Figuren aus "Shrek" glaubwürdiger wirken, ist irgendetwas schief gelaufen. Was umso tragischer ist, wenn der Film den Anspruch der Realtitätsnähe an sich stellt. Dann erwarte ich aber auch, dass man den Figuren nicht mehr unbedingt die Herkunft aus dem PC ansieht. Wenn das aber nicht möglich ist, dann sollte man es lassen, so jedenfalls stört es gewaltig.
Wieso also lasse ich die Schauspieler, die ich sowieso vor Ort habe und deren Bewegungen ich abfilme, nicht vor einer grünen Leinwand spielen und anschließend die Hintergründe mit dem Computer einfügen, wie es schon bei "Sin City", "Sky Captain" oder meinetwegen auch "300" hervorragend funktioniert hat? Der Film hätte dadurch deutlich gewonnen (wenn ihn auch nicht gerettet, siehe Handlung). Denn mit Ausnahme von Ray Winstone, den man digital abgespeckt hat und ein Muskelaufbautraining hat angedeihen lassen, sind alle Figuren das digitale Ebenbild ihrer Schauspieler. So aber wirkt der Film unfertig, sogar lächerlich, wenn man einmal Frau Jolies Stöckelschuhe bedenkt oder Beowulfs Kampf gegen Grendel, dem er so entgegentritt, wie ihn Mutter Natur erschuf, und zufällig steht immer eine Person, eine Kerze oder andere Gegenstände genau richtig, um "delikate" Stellen zu verdecken, in etwa so wie bei Bart Simpsons' Skateboardfahrt im Simpsons-Film, nur ohne Pointe. Womit auch hier die Klammer mittels der Simpsons gesetzt wäre.
"Beowulf" ist ein Film, der technisch begeistert und... das war's auch schon. Quasi ist der Film wie die Figur Beowulf selbst. Protzend und prahlend ob seiner überragenden Darstellung, aber wenn man hinter die Fassade blickt, bleibt nicht mehr viel übrig. Wem zwei Stunden Bildschirmschoner genügen, man sich davon verführen lassen kann wie Beowulf von Grendels Mutter, dem sei der Film ans Herz gelegt. Alle anderen investieren das Geld lieber in ein Aquarium. Der Effekt ist der gleiche, es hat auch eine beeindruckend fotorealistische 3D-Grafik, und man hat entscheidend länger dran.







