"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
05. November 2007
Kinowoche 44/07:
Abbitte

von baumgarf | 22:32 | kommentieren

Abbitte

Abbitte 9 von 10 UK/F 2007, 123 min., FSK 12
OT: Atonement

Regie: Joe Wright
Drehbuch: Christopher Hampton
Kamera: Seamus McGarvey
Musik: Dario Marianelli
Darsteller: James McAvoy, Keira Knightley, Romola Garai, Saoirse Ronan, Brenda Blethyn, Vanessa Redgrave

Homepage, imdb

Briony Tallis kann sich über mangelnde Phantasie nicht beschweren. Die 13jährige hat gerade ihr erstes Theaterstück fertiggestellt, dass sie zur Rückkehr ihres Bruders mit Hilfe von Cousins und Cousine aufzuführen gedenkt. Durch Zufall wird sie Zeuge eines unschuldigen Zusammentreffens zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und dem Gärtnerjungen Robbie am Brunnen des Anwesens, das unter ihrem kreativen Blick eine bedrohliche Ausschweifung erhält. Ein weiteres, intimes Zusammentreffen der beiden in der Bibliothek, in das Briony zufällig platzt, wertet sie als tätlichen Übergriff. Deswegen, und aufgrund ihrer Eifersucht, da sie selbst in Robbie verliebt ist, bezichtigt sie Robbie wider besseren Wissens der Vergewaltigung ihrer Cousine Lola. Eine Anschuldigung, deren Folgen das Leben aller Beteiligten auf immer verfolgen.

Schon die ersten Bilder des Films machen klar, mit was für einem Charakter wir es bei Briony zu tun haben. Ein mit Schreibmaschinenklängen angereicherter Soundtrack unterlegt die Fertigstellung ihres Theaterstücks, "The Trials of Arabella". Mit einem Ruck zieht sie die letzte Seite aus der Schreibmaschine, sieht kurz voller Stolz auf ihre Werk, um anschließend mit schnellem Schritt, der eine gewisse eigene Wichtigkeit ausstrahlt, durch das riesige Haus auf der Suche nach ihrer Mutter eilt, um sich loben zu lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist noch fast kein Wort gesprochen worden. Denn "Abbitte" beherrscht das Spiel der Gesten und Bilder perfekt, das Prinzip des "Show, don't tell." So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Kameraführung, und damit die Bildsprache, außerordentlich geraten ist. Sei es nach der Beschuldigung Robbies, als alle Anwesenden nach der Suche nach den ausgebüchsten Cousins nachts im Freien auf die Rückkehr Robbies warten, und nur Cecilia im Licht des Türrahmens erstrahlt, während die anderen im Dunkel verbleiben; sei es die fast fünfminütige, schnittfreie Kamerafahrt quer über Dünkirchen, die die Schrecken des zweiten Weltkriegs zur Abwechslung nicht mit endlosen Schlachten, sondern allein durch die gezeichneten Soldaten greifbar macht, die auf ihren Rücktransport nach England warten. Überhaupt gibt es auf der Leinwand keine einzige Schlacht zu sehen, obwohl ein Großteil des Films während des zweiten Weltkrieges spielt. Einzig die Auswirkungen werden in Szene gesetzt, was jedoch nicht weniger schrecklich ist.

Dennoch sollte man darüber nicht vergessen, dass es sich um ein Melodram handelt, nicht um einen Kriegsfilm. Und auch, wenn die Hauptfigur des Films in Briony zu finden ist, ist doch die Liebe zwischen Cecilia und Robbie das zentrale Thema. Die tragische Liebe, besser gesagt, denn kaum, dass sie sich gefunden haben, werden sie wieder auseinander gerissen. Ihr Leben ist zerstört, und jeder der Beteiligten versucht nun auf seine Art und Weise, mit den Geschehnissen klarzukommen. Cecilia hat sich von der Familie losgesagt und eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, und träumt davon, mit Robbie ein kleines Cottage an der Küste zu beziehen. Robbie hat sich im Gegenzug für seine vorzeitige Entlassung zur Armee gemeldet, die Briefe Cecilias als Antrieb und Hoffnung auf ein besseres Leben immer bei sich tragend, und Briony, nachdem sie das Ausmaß ihrer Tat erkannt hat, lässt sich ebenfalls zur Krankenschwester ausbilden, als eine Art Buße. Das Ende des Films setzt einen Schlusspunkt, der nicht anders hätte sein können und dürfen. Er passt perfekt zur erzeugten Stimmung und lässt einen sprachlos im Kinosessel zurück.

Tolle Bilder, eine klasse Geschichte; was jetzt noch fehlt, sind eben solche Darsteller. Auch hier kann der Film punkten. Vor allem die noch unbekannte Saoirse Ronan als junge Briony spielt phantastisch hassenswert (Kinder, die sich wichtig nehmen!) und ausdrucksstark, siehe beispielsweise die oben erwähnte Anfangssequenz. Keira Knightley als anfangs schüchtern-zurückhaltende, später verbitterte Cecilia zeigt ebenfalls, dass sie weit mehr kann, als nur Piratenbraut zu spielen (was sie wohl auch schon in "Stolz und Vorurteil" bewiesen hat, aber den Film kenne ich (noch) nicht), und auch James McAvoy beweist wieder sein Können, wenn es auch nicht an seine Leistung aus "Der letzte König aus Schottland" heranreicht.

Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann höchstens, dass der Film etwas zerfasert wirkt, da er, vor allem zu Beginn, häufig Zeitsprünge vollzieht und in der Geschichte hin und herspringt. Und vielleicht noch, dass das Buch besser ist, aber das war nicht anders zu erwarten, auch wenn sich der Film recht nah daran orientiert. Zwar ist der Schluss ein anderer, die Grundaussage bleibt jedoch erhalten, und ich kann verstehen, dass sie ihn geändert haben, da er recht schwer zu verfilmen gewesen wäre. "Abbitte" jedenfalls ist ein absolut empfehlenswerter Film mit großen Emotionen, den man einem jeden nur ans Herz legen kann.

 
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