"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
21. Oktober 2007
Kinowoche 42/07:
Enttarnt / Der Sternwanderer / Die Fremde in dir

von baumgarf | 23:10 | kommentieren

Enttarnt

Enttarnt 7 von 10 USA 2007, 110 min., FSK 12
OT: Breach

Regie: Billy Ray
Drehbuch: Adam Mazer, William Rotko, Billy Ray
Kamera: Tak Fujimoto
Musik: Mychael Danna
Darsteller: Chris Cooper, Ryan Phillippe, Laura Linney, Caroline Dhavernas, Dennis Haysbert, Gary Cole, Kathleen Quinlan

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Im Februar 2001 wurde eine der größten Spionagegeschichten innerhalb der USA aufgedeckt. Robert Hanssen hatte jahrelang dem KGB geheimes Material zugeschanzt, was auch nachweislich zur Exekution mindestens dreier Doppelagenten geführt hat. "Enttarnt" erzählt nun die Geschichte, wie es zur Enttarnung Robert Hanssens gekommen ist.

Eric O'Neill ist ein junger Heißsporn, der im FBI hoch hinaus will. Bei seinen Kollegen als arrogant verschrien, hat er dennoch eine beachtliche Vita im Rahmen der Terroraufdeckung zusammengetragen, mit der er sich als Agent-Anwärter empfehlen möchte. Die Chance bietet sich, als er Robert Hanssen als Assistent zugeteilt wird, einem herablassenden und erzkatholischen FBI-Agenten, der aus dem State Department in die Abteilung Datensicherheit weggelobt wurde. O'Neill soll das Vertrauen Hanssens gewinnen, um so Beweise für abartige und perverse sexuelle Handlungen sammeln soll. Der Plan geht auf. Nach anfänglichen Reibereien akzeptiert Hanssen den Jungspund, während dieser ebenfalls beginnt, seinen Chef zu respektieren. Dann erfährt O'Neill den wahren Grund seiner Versetzung: Hanssen spioniert im großen Maße für die Russen, und O'Neill soll die Hinweise liefern, die zur Festnahme Hanssens auf frischer Tat führen sollen.

Man muss etwas Geduld aufbringen, wenn man sich "Enttarnt" zu Gemüte führt. Denn die Geschwindigkeit, mit der die Handlung rund um die beiden Hauptpersonen aufgebaut wird, ist bestenfalls als behäbig zu bezeichnen. Keine wilden Verfolgungsjagden, kein wütendes Rumgeballer, alles geht seinen Gang. Und auch, wenn die Auflösung des Films, die Verhaftung Hanssens, am Anfang steht, ist das jedoch nicht minder spannend. Denn die Spannung entsteht nicht zuletzt durch das Zusammenspiel der beiden Figuren. Der Film legt deswegen auch großes Augenmerk auf die Personen hinter dem Skandal. Wer war der Mann, der jahrelang vertrauliche Informationen an die Russen geliefert hat? Wer war der Mann, dem als aufstrebender FBI-Anwärter gleich ein derart heikler Auftrag zugeteilt wurde? Den Film sollte man deswegen eher als Psychogramm zweier Zwangskontrahenten verstehen.

Eigentlich muss man es ja nicht extra erwähnen, aber natürlich steht und fällt der Film dann auch mit seiner Besetzung. Und hier macht er alles richtig. Chris Cooper als knorriger Robert Hansson erweist sich als Idealbesetzung, und auch Ryan Phillippe kann wider Erwarten vollends überzeugen. Sie liefern sich ein sehenswertes Katz-und-Maus-Spiel auf der Leinwand. Natürlich gibt es die übliche Szene, in der Hanssen für eine gewisse Zeit aus dem Büro ferngehalten werden muss, damit man in Ruhe seinen Palm durchsuchen kann. Wenn dann aber bange Sekunden folgen, in denen der junge O'Neill sich fragen muss, ob er den Palm nun wieder in die richtige der vier Taschen zurückgepackt hat, spürt man schon den eigenen Puls.

Ein Kritikpunkt ist jedoch die klischeehafte Darstellung von O'Neills Privatleben. Zu Beginn ist mit seiner Frau noch alles in bester Ordnung. Friede, Freude, Eierkuchen. Erst, als er immer stärker gefordert wird, bröckelt es in der Beziehung, seine Frau macht im Vorwürfe etc. pp. Nichts, was man nicht schon x-mal in anderen Filmen gesehen hätte. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich so war, aber diese vermeintliche Einfallslosigkeit passt so gar nicht zum restlichen Film.

Im Ganzen unterhält "Enttarnt" jedenfalls gute zwei Stunden dank dem hervorragenden Zusammenspiel seiner beiden Hauptdarsteller. Auf das langsame Erzähltempo muss man sich aber einlassen (können). Definitiv kein Popcornfilm für Zwischendurch.


Der Sternwanderer

Der Sternwanderer 9 von 10 UK/USA 2007, 127 min., FSK 12
OT: Stardust

Regie: Matthew Vaughn
Buch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
Kamera: Ben Davis
Musik: Ilan Eshkeri
Darsteller: Claire Danes, Charlie Cox, Michelle Pfeiffer, Robert De Niro, Sienna Miller, Mark Strong

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Böse Hexen, edle und weniger edle Prinzen, Abenteurer, unfreiwillige Helden... hach! Endlich wieder ein richtiger Fantasy-Film. Ein Märchen! Im englischen Dörfchen Wall, so genannt aufgrund seiner direkten Lage zu einer Steinmauer, die das magische Land Stormhold umschließt, lebt der junge Tristan. Jener hat ein Auge auf die schönste Maid des Weilers geworfen, doch will Veronica nichts von ihm wissen. Bis eines Tages ein Stern vom Himmel fällt, mitten hinein nach Stormhold. Sollte Tristan diesen Stern zurückbringen, so darf er Veronica heiraten. Sofort macht er sich auf die Suche. Was Tristan jedoch nicht weiß: der Stern selbst heißt Yvaine und ist wenig begeistert von ihrem plötzlichen Erdendasein und noch weniger begeistert davon, quasi als Hochzeitgeschenk dienen zu müssen. Doch nicht nur Tristan hat ein Auge auf den Stern geworfen. Das Herz Yvaines verspricht ewiges Leben, und das Amulett, das sie bei sich trägt, bedeutet dem Finder den Thron Stormholds, sollte er von königlichem Blut sein. So müssen sich Tristan und Yvaine auf ihrer Reise böser Hexen und ruchloser Prinzen erwehren.

"Der Sternwanderer", so der seinem wohlfeilen Klang beraubte deutsche Titel von "Stardust" (wieso auch immer man nicht mit "Sternenstaub" übersetzt hat), lässt sich ganz leicht mit zwei Worten zusammenfassen: Einfach schön! Aber etwas ausführlicher:

Schön 1: Der Film ist angehäuft mit namhaften Darstellern, bis hinein in die kleinsten Nebenrollen. Nicht zuletzt davon lebt auch der Film. Sei es Peter O'Toole in seinem kurzen Auftritt als König von Stormhold, Rupert Everett als dessen Sohn, Sienna Miller als eigennützige Veronica, Michelle Pfeiffer als böse Hexe Lamia mit Mut zur Hässlichkeit, Robert De Niro als Haudrauf-Luftpirat Captain Shakespeare mit weichem Kern, Charlie Cox als Held wider Willen Tristan Thorn oder Claire Danes als zickiges Sternchen Yvaine. Sie alle lassen den Film leben und erleben.

Schön 2: Ein Vergleich von "Stardust" mit "Die Braut des Prinzen" drängt sich förmlich auf. Nicht wegen einer vergleichbaren Handlung (das ist sie nicht), sondern wegen dem gewissen Maß an Humor und Schlitzohrigkeit. Seien es die schon verstorbenen Söhne des Königs, die als Geister auf der Erde verweilen müssen, bis die Erbfolge geregelt ist und aus dem Hintergrund ständig das Geschehen kommentieren; sei es der Auftritt von Captain Shakespeare und seinen harten Mannen, dessen privates Hobby ebenfalls für ein paar Lacher gut ist; seien es die Wortgefechte zwischen Tristan und Yvaine. Ständig spürt man das Augenzwinkern, mit dem die Geschichte erzählt wird. Und da wären wir auch schon bei

Schön 3: Die Geschichte selbst bietet alles, was man sich von einem Märchen wünscht. Böse Hexen, Zauberei, fantastische Orte, Liebe, Lüge, Leidenschaft, Romantik und ein gewisses Maß an Kitsch. Und, das muss man ja bei heutigen Fantasyfilmen schon positiv herausstellen, keine Massenschlachten. Wie auch immer die hineingepasst hätten. Insgesamt bewegt sich der Film relativ nah an der literarischen Vorlage von Neil Gaiman (das Buch lohnt sich ebenfalls), der zur Qualitätsüberwachung auch noch gleich den Produzenten gab. So bleibt mir nur noch zum Schluss zu sagen: Schön ansehen!


Die Fremde in dir

Die Fremde in dir 8 von 10 USA/AUS 2007, 122 min., FSK 16
OT: The Brave One

Regie: Neil Jordan
Buch: Roderick Taylor, Bruce A. Taylor, Cynthia Mort
Kamera: Philippe Rousselot
Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Jodie Foster, Terrence Howard, Naveen Andrews, Nicky Katt, Mary Steenburgen

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Huiuiui, schon wieder ein Rache-Selbstjustiz-Filmchen? Jo, allerdings darf hier nun eine Frau das Schwert der Rache schwingen. Erica Bain lebt ein glückliches Leben. Sie ist eine erfolgreiche Radiomoderatorin und steht kurz vor der Hochzeit mit dem Chirurgen David, ihr Schäferhund ist auch lieb und nett. Bis sie eines weniger schönen Tages bei einem Spaziergang brutal überfallen und zusammengeschlagen werden. David stirbt, Erica fällt für drei Wochen ins Koma, und der Hund ist auch zum Teufel. Völlig traumatisiert und verängstigt zieht sie sich in ihre Wohnung zurück, den Weg nach draußen tritt sie nicht mehr an. Erst, als die Polizei weiterhin keine Ergebnisse liefert und ihr mit Gleichgültigkeit begegnet, besorgt sie sich eine Waffe, zu ihrer eigenen (Selbst-)Sicherheit. Die Eigentherapie scheint zu fruchten, langsam kehrt sie in ihr altes Leben zurück, beginnt wieder zu arbeiten. Doch dann wird sie Zeuge eines Überfalls auf einen Supermarkt und erschießt den Täter in Notwehr. Sie spürt, wie sich dadurch die Leere füllt, die sich seit dem Überfall in ihr gebildet hat. Deswegen sucht sie erneut die Konfrontation...

Der Vergleich von "Die Fremde in dir" mit dem zwei Monate älteren "Death Sentence" bietet sich an, immerhin behandeln sie vordergründig dasselbe Thema. Doch während "Death Sentence" geradlinig und undifferenziert den Rachegang eines Familienvaters schildert, geht dieser Film hier kritischer, und menschlich nachvollziehbarer, zu Werke. Zum einen ist da die Motivation. Rache spielt für Erica zu Beginn keine Rolle. Alles, was sie möchte, ist, wieder ein normales Leben führen zu können, ohne vor jedem ihrer Mitmenschen Angst haben zu müssen. Mittels der illegal erworbenen Waffe erhofft sie sich, die Sicherheit zurückkaufen zu können. Illegal deswegen, da sie legal zuerst einen Waffenschein machen müsste. "So lange kann ich nicht warten", sagt sie dann auch zum Waffenhändler, und wir glauben ihr. In diesen 30 Tagen, die es benötigt, einen Waffenschein zu machen, würde sie sich nicht mehr dazu aufraffen können, noch einmal vor die Tür zu gehen, sie würde in ihren eigenen vier Wänden verhungern, als Opfer ihrer Ängste. Dennoch muss man sich als Zuschauer fragen, weswegen sie sich zwecks Waffenerwerb bereitwillig von einem Unbekannten durch zwielichtige Gassen führen lässt, obwohl sie noch kurz zuvor vor jedem Schatten zusammengezuckt ist und sich kaum aus der Wohnung getraut hat.

Des Weiteren ist da die Rolle der Polizei. In "Death Sentence" zum reinen Statistendasein verdammt, spielt sie hier in Form von Detective Mercer eine nicht unerhebliche Rolle. Denn die Sicht auf die Polizei, die hier aufgebaut wird, darf genauso zweifelhaft betrachtet werden, wie Ericas Taten selbst. Seit wann ahnt er, dass sie mordend durch New York zieht? Soll er sie aufhalten? Immerhin sind es nur Verbrecher, die sie erledigt. Zudem, und hier ist Raum für Spekulationen, scheint er ihr zum Schutz eines Kindes Informationen über einen Verbrecher zu liefern, dem die Polizei nicht habhaft werden kann. Es scheint, als seien sich beide Charaktere nicht unähnlich.

Der deutlichste Unterschied zum Kevin-Bacon-Film liegt aber in der Person Ericas selbst. Zu Beginn hat sie keinerlei Antrieb, als Rächerin durch New York zu ziehen. Als sie in Notwehr einen Angreifer im Supermarkt erschießt, erschrickt sie zuerst vor sich selbst, was für eine andere Person sich in ihr befindet. Dann jedoch erkennt sie, dass seit dem Überfall eine Leere in ihrem Leben geherrscht hat, die nun durch die Erschießung des Angreifers ausgefüllt wurde. Weswegen sie beginnt, Begegnungen mit weiteren potentiellen Verbrechern herauszufordern, zu provozieren. Dennoch ist sie sich ihrer Taten bewusst und schreckt eigentlich davor und vor sich selbst zurück. Deutlich wird dies mittels ihrer Radiosendungen, zu der Anrufer zum aktuellen Thema des unbekannten Rächers durchgestellt werden. Die meisten Anrufer heißen die Taten gut, einer gibt sich sogar als unbekannter Rächer aus. Immer schneller kanzelt sie die Anrufer ab, bis sie entnervt aus dem Studio stürmt, unfähig, noch länger damit konfrontiert zu werden.

Ein großes Verdienst an der Glaubwürdigkeit dieser Rolle hat nicht zuletzt Jodie Foster. Man nimmt ihr die zutiefst verletzte Figur der Erica auf der Suche nach einem gesicherten Leben in jeder Sekunde ab. Jedoch wahrt sie mit ihrer Darstellung die Distanz zum Zuschauer, sie ist keine Sympathieträgerin, so dass keine eindeutige Sicht auf ihre Taten zugelassen wird. Gleiches gilt für die Figur des Detective Mercer, die von Terrence Howard ebenfalls überzeugend dargestellt wird. So können sich die Kollegen von "Death Sentence" einmal ansehen, wie man dieses schwierige Thema gekonnt angeht. Denn mit "Die Fremde in dir" wird Selbstjustiz nicht mit dem Holzhammer angegangen, sondern sehr differenziert dargestellt.

 
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