"Sie sind ein guter Mensch."
November 1984. Georg Dreymann ist ein gefeierter Künstler in der DDR. Seine Theaterstücke begeistern Volk wie Partei gleichermaßen, er ist dem Staat treu ergeben, was ihm so manche Kritik seiner Künstlerkollegen einbringt. Doch einem Minister ist er ein Dorn im Auge. Dieser hat ein Auge auf Dreymanns Freundin, Christa-Maria Sieland geworfen, Schauspielerin und Hauptfigur in Dreymanns Stücken. Um seinen Nebenbuhler auszuschalten, ordnet der Minister die Überwachung Dreymanns an. Es soll kompromitierendes Material gefunden werden, damit Dreymann verhaftet werden kann und der Weg für den Minister zum Herzen von Sieland frei ist. Mit der Überwachung beauftragt wird Hauptmann Georg Wiesler, ein treuer Anhänger des Staats und Spitzenkraft in punkto Überwachung. Bei positiven Abschluss winkt ein Karrieresprung. Doch je länger die Observation voranschreitet, desto mehr wird Wiesler in die Welt des Künstlers hineingesogen. Er beginnt, sich zu ändern und das System in Frage zu stellen.
Ah, welche Wohltat. Endlich einmal hat man das Dritte Reich links liegen lassen und sich einem anderen Abschnitt der deutsch-deutschen Geschichte zugewandt. Zwar wurde auch die DDR hin und wieder in Filmen thematisiert, jedoch meist in Komödien, wie "Sonnenallee", "Good Bye, Lenin" oder jüngst "NVA". An einen ernsthaften Film jedoch, und dazu noch über die Methoden der Staatssicherheit, hat man sich bisher jedoch nicht herangetraut. Diese Lücke wird jetzt aber mit "Das Leben der Anderen" geschlossen. Der Film liefert eine erschreckende Sicht auf die Zustände in der ehemaligen DDR.
Georg Wiesler ist Hauptmann in der Stasi, linientreu und kompromisslos. Unnahbar, wie ein Roboter wirkt er nach außen, selbst kleinste Vergehen werden sofort geahndet. Er ist ein Meister in Sachen Überwachung. Wir sehen ihn zuerst als Dozent in einer Schule für Stasinachwuchs, in der er angehenden Stasioffizieren die Tricks in Verhören beibringt. Schlafentzug sei wichtig, ein 48-Stunden-Verhör perfekt, um Lügner und Klassenfeinde zu überführen. Unschuldige werden mit der Zeit wütend und aggressiv, da sie wissen, dass sie zu unrecht verhaftet worden sind. Lügner hingegen werden ruhig und gelassen. Zudem werden sie immer wieder genau dieselben Sätze wiederholen, die sie entlasten sollen, denn sie haben sich Sätze zurechtgelegt, die sie jedoch nicht, wie unschuldige Menschen, beliebig umformen und modulieren können, aus Angst, sich zu verhaspeln und dadurch zu verraten.
Wiesler und seine Arbeit scheinen eins zu sein, für ein Privatleben bleibt da keine Zeit. Seine Wohnung wirkt, wie er selbt, steril und unscheinbar, dass harte Neonlicht lässt seine Küche wie einen Operationssaal wirken. An den Wänden fehlt jeglicher Schmuck, keine Bilder, kein unnötiger Tand verunziert die Wohnung, als sei sie nur ein vorübergehendes Domizil, in dass er sich nur zurückzieht, wenn er mit der Arbeit fertig ist. Die einzige zwischenmenschliche Beziehung leistet er sich hin und wieder mit einer Prostituierten, deren Leben jedoch genauso durchgeplant ist wie das von Wiesler. Für private Konversation bleibt da keine Zeit, denn der nächste Freier wartet schon, nur eine halbe Stunde für jeden. So gesehen sind sich Wiesler und die Prostituierte ähnlicher, als man denkt. Wie sie prostituiert er sich für den Staat, plant sein Leben nach den Erfordernissen des Systems, das Private muss zurückstehen.
Und doch ist seine Arbeit sein ein und alles. Auch wenn Ulrich Mühe, der Georg Wiesler hervorragend spielt, den Film über nur einen einzigen Gesichtsausdruck zur Schau zu tragen scheint, so vermittelt er doch durch kleine Nuancen seinen inneren Gemütszustand. Beim Verwanzen der Wohnung von Dreymann scheint er richtig aufzublühen, mit der Stoppuhr überwacht er seine Techniker, ob sie in der vorgegebenen Zeit bleiben. Die Nachbarin, der das Treiben in der Nachbarwohnung nicht verborgen geblieben ist und das sie durch den Türspion beobachtet, wird kurzerhand mit dem Hinweis auf die Karriere der studierenden Tochter mundtot gemacht. Auf dem Dachboden wird die Observationszentrale eingerichtet und alles minutiös protokolliert, bis hin zum vermutlichen Geschlechtsakt. Mit Kreide ist der Grundriss der Wohnung unter ihm auf den Boden gezeichnet.
Georg Wiesler ist ein Mann, der an das glaubt, was er tut. Sein ehemaliger Studienkamerad und jetziger Vorgesetzter Grubitz, schmierig-arrogant gespielt von Ulrich Tukur, ist ihm da eher suspekt, denn dieser sieht das System nur als einen Weg, um Karriere zu machen. Für seinen beruflichen Fortgang würde er sogar über Leichen gehen. So wird auch deren trotz alledem freundschaftliches Verhältnis zerrüttet, als Wiesler im Laufe der Überwachung in seinem Glauben an den Staat erschüttert wird. Darf ein Vertreter des Staates eine Überwachung anordnen, nur um irgendein kleines Detail zu finden, dass einen unliebsamen Nebenbuhler ausschalten könnte? Wiesler beginnt, sich immer mehr mit den Personen, die sich in des Künstlers Wohnung treffen, zu identifizieren, er fälscht Protokolle, lässt Beweise verschwinden, "leiht" sich sogar einen Brecht-Band aus der Wohnung, den er zuhause mit sichtlicher Freude liest, seine Wohnung scheint dadurch mehr geworden zu sein als nur ein Wartesaal bis zur nächsten Schicht. Zum Wohl der Observierten setzt er sein eigenes aufs Spiel.
Bedenkt man, dass "Das Leben der Anderen" ein Debütfilm ist, so ist die Leistung umso erstaunlicher. Der junge Autor und Regisseur hat sich fünf Jahre mit der Thematik auseinandergesetzt, bevor er den Film gedreht hat, für den er hervorragende Darsteller gewinnen konnte. Herausgekommen ist dabei ein fesselndes und erschreckendes Porträit eines totalitären Systems und seiner Helfer, einem System aus Macht, Kontrolle und Überwachung. Es ist schön zu sehen, dass es auch sehenswerte deutsche Filme jenseits des Klamauks und des Dritten Reichs geben kann. Und 11 Nominierungen für den deutschen Filmpreis sprechen auch für sich.
(Deutschland 2006, 137 min., FSK 12; R: Florian Henckel von Donnersmarck; D: Ulrich Mühe, Ulrich Tukur, Sebastian Koch, Martina Gedeck; Film auf imdb)








