"An elegant suicide is the ultimate work of art."
Sam Foster ist Psychiater, der normalerweise Manager und andere Führungspersönlichkeiten betraut, hin und wieder aber auch Fälle von Studenten am College übernimmt. Er lebt mit seiner Freundin Lila zusammen, einer ehemaligen Patientin, die er dem sicheren Tod entrissen hat, als sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Dementsprechend hat er zu potentiellen Selbstmördern ein eher zwiespältiges Verhältnis. Als eines Tages der junge Henry an seiner Tür auftaucht und ihm unterbreitet, dass er sich in drei Tagen, an seinem 21. Geburtstag, das Leben nehmen wird, setzt Sam alles daran, Henry von seinem Vorhaben abzubringen. Doch je mehr er sich mit dem Fall beschäftigt, desto mehr gerät sein Leben aus den Fugen, kommt seine Realität ins Wanken.
Wer geradlinige Filme schätzt, kann hier jetzt aufhören zu lesen und diesen Film vergessen. Denn "Stay" kommt in bester Tradition von Filmen wie "Fight Club" oder "The Machinist" daher. Visuell atemberaubend, führen sie den Zuschauer an der Nase herum, bis zum überraschenden Ende, das den ganzen Film auf den Kopf stellt und ein weiteren Kinogang erforderlich macht, um all die versteckten Hinweise auf des Rätsels Lösung und die kleinen Sonderlichkeiten zu entdecken, die im Film verstreut sind.
Dabei fängt der Film relativ schlicht an. Ein brennendes Autowrack, nachts auf einer Brücke, daneben sitzt ein junger Mann, Henry, wie wir später erfahren, stumm und unbeweglich. Irgendwann steht er auf und geht davon. Manch ein Film würde so eine Szene zur Charakterisierung der Figur verwenden, und auch hier machen wir uns so unsere Gedanken dazu, doch ist dies nur eine der vielen Fallen, in die der Zuschauer noch tappen wird. Immer wenn man glaubt, ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, passiert wieder etwas Unvorhergesehenes, oder eine Szene, die für sich genommen bedeutungslos erscheint, passt doch nicht in den großen Zusammenhang und stellt die bisherige Logik völlig auf den Kopf. Dieses Gefühl der Unsicherheit, der Unwissenheit, wird bewusst erzeugt, denn der Zuschauer soll sich dadurch mit Sam identifizieren können, der ebenfalls ahnungslos durch den Film stolpert.
Erreicht wird dies, wie schon zuvor erwähnt, durch die beispiellose Schnitt- und Kameratechnik. Schon im ersten Gespräch zwischen Sam und Henry verspüren wir eine gewisse Befremdlichkeit, der Dialog ist so geschnitten, dass der jeweilige Redner immer auf derselben Bildseite zu sehen ist, das Gesicht in derselben Ausrichtung. Zusätzlich noch durch helles Licht von hinten bestrahlt, das die Gesichtszüge beinahe unsichtbar macht, hat man relativ schnell die Übersicht verloren, wer eigentlich gerade spricht. Oder macht das überhaupt einen Unterschied? Noch des öfteren werden Sam und Henry gegengeschnitten und verstärken dieses Gefühl der Unsicherheit noch. Beide laufen einen Korridor entlang, Sam links, Henry rechts. Als sie hinter einer Säule vorbeilaufen, sind ihre Plätze plötzlich vertauscht, das Gespräch läuft weiter, als sei nichts passiert. Ein ander Mal spiegelt sich Sam in einer Fensterscheibe. Durch einen raffinierten Schnitt entpuppt sich jene plötzlich als Tür einer U-Bahn, die sich öffnet, und an genau der Stelle, an der eben noch Sams Spiegelbild zu sehen war, steht Henry.
Doch das sind im Grunde genommen nur Kleinigkeiten, denn irgendwann werden ganze Szenen wiederholt, deren Wiederholung allerdings nur Sam wahrzunehmen scheint, als stünde er außerhalb des Dargestellten. In einer Seitenstraße wird ein Klavier mittels Flaschenzug nach oben gezogen, eine Mutter läuft mit ihrem Sohn, der einen Luftballon trägt und in plötzlich loslässt, daran vorbei, während der Ballon nach oben schwebt. Als Sam die Arbeiter bei der Wiederholung der Szene zur Rede stellt, weshalb sie dasselbe Klavier nochmals nach oben ziehen, erntet er nur Unverständnis. Überhaupt spielen Wiederholungen eine große Rolle im Film. Entweder wird etwas gezeigt, dass jemand zuvor erwähnt hatte, oder eine Szene wird wiederholt, mehrfach, manchmal direkt hintereinander. Als Sam nach Hause kommt, tritt er mehrmals zur Tür ein, er springt quasi in der Wohnung hin und her. Eben ist er noch zum Bücherregal gelaufen, im nächsten Moment kommt er wieder zur Tür herein und geht zum Bücherregal, er geht nochmal zum Regal etc. Ebenfalls interessant ist die Bevölkerung der dargestellten Welt. Wer genau hinsieht, bemerkt relativ schnell, dass sie hauptsächlich von Zwillingen und Drillingen bevölkert ist. Eine weitere Wiederholung. Aber auch Gegenstände, die eigentlich keinen Sinn machen, eigentlich unmöglich sind, finden sich im Film, wie z.B. ein Kanister, der zwei Henkel, aber keine Öffnung aufweist. Einen Reim darauf kann man sich (noch) nicht machen.
Dass bei so einem Film die Besetzung relativ austauschbar ist, ist nicht weiter verwunderlich, ist aber ohne Weiteres zu verschmerzen, denn man wird viel zu sehr damit beschäftigt sein, dem Geschehen einen Sinn abzugewinnen. Wieso kann Henry die Zukunft voraussagen? Wieso ist Sam der einzige, dem die Wiederholungen auffallen (nein, es handelt sich hier nicht um die Matrix, um das gleich einmal vornewegzunehmen)? Was hat es mit den Bildern von Henry auf sich? Wieso trägt Sam den ganzen Film über Hochwasserhosen? Wieso kann der Blinde wieder sehen? Letzteres übrigens in meinen Augen ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl, genau hinzusehen. Erleuchtung, der Blinde kann sehen.
"Stay" ist mit Sicherheit keine leichte Kost. Das merkt man schon daran, dass es relativ schwer fällt, eine Kritik darüber zu verfassen. Was auch daran liegen kann, dass ich das Ende nicht verraten will und deshalb einiges aussparen muss. Aber wer sich die Mühe macht, sich auf den Film einzulassen, der (ich wiederhole mich wieder einmal) mit einer sensationellen Optik (da ist es dann auch kein Wunder, dass Kunst in diesem Film ebenfalls eine Rolle spielt) und einem treibenden Soundtrack aufwartet, wird mit einem erstklassigen Werk belohnt, dass sich lohnt, nein, dass fordert, mehrfach gesehen zu werden.
(USA 2005, 99 min., FSK 12; R: Marc Forster; D: Ewan McGregor, Naomi Watts, Ryan Gosling, Bob Hoskins, Janeane Garofalo, B.D. Wong; Film auf imdb)







