"Ich krieg gleich 'nen Herzinfarkt!"
Joey Gazelle ist der übliche kleine Ganove im Dienste der Mafia. Er erledigt seine Jobs zur Zufriedenheit seines Bosses und stellt keine unnötigen Fragen. Zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn wohnt er in einem zweitklassigen Haus. Im Haus nebenan wohnt eine russische Familie, ebenfalls Vater, Mutter und Sohn. Joey kann Russen nicht ausstehen. Dumm nur, dass sein Sohn Nicky und Oleg von nebenan die besten Freunde sind. Als ein Drogendeal so schief gehen kann, wie nur möglich, bei der auch ein paar Polizisten ihr Leben lassen, bekommt Joey den Auftrag, die heiße Waffe, mit der die Polizisten erschossen wurden, loszuwerden. Er nimmt sie zuerst einmal mit nach Hause - ein Fehler, wie sich schnell herausstellt, als Oleg die Waffe klaut, um damit den verhassten Vater zu erschießen. Von da an sind alle hinter Oleg und der Waffe her. Die Mafia, die Cops, die Russen und vor allem Joey. Denn wenn er die Waffe nicht wiederbekommt, hat er großen Ärger am Hals.
Man könnte nicht gerade behaupten, dass Wayne Kramer ein Optimist ist, oder, was das anbelangt, ein Menschenfreund. Der Gedanke drängt sich zwangsläufig auf, wenn man sich seinen neuen Film "Running Scared" zu Gemüte führt. Denn die Personen, die seinen Film bevölkern und dem Zuschauer im Verlauf von knappen zwei Stunden begegnen, sind größtenteils alles andere als nett, freundlich und hilfsbereit. Zudem kann man sie ohne weiteres dem zwielichtigen Milieu zuschreiben: Prostituierte, korrupte Polizisten, die Mafia (auch die russische), Zuhälter, Kinderschänder, usw. Selbst Charaktere, die zu Beginn noch freundlich und vertrauenserweckend aussehen, entpuppen sich schnell als das völlige Gegenteil.
Doch sind gerade die Charaktere der große Schwachpunkt des Films. So unterschiedlich sie auch sein mögen, so sind sie doch nur Abziehbilder der üblichen Klischées. Sie stellen genau das dar, was man von ihnen erwartet. Ebenso wie die Handlung nach Schema F verlauft. Zumindest zu Beginn wird der übliche Sex and Crime geboten. Ein missglückter Drogendeal, der in einem blutigen Kugelhagel endet; zuhause wird die Ehefrau verführt, das gemeinsame Essen mit der Familie, bei dem man den Tag Revue passieren lässt. Nach fünfzehn Minuten Film hat man den Eindruck, alles schon mal gesehen zu haben, nur besser. Langeweile stellt sich ein.
Und genau in dem Moment beginnt der Film erst richtig. Denn von nun an legt der Film ein Tempo vor, dass es nur so kracht. Keine fünf Minuten vergehen, ohne dass die Handlung nicht wieder einen Haken schlägt, vor allem, als Oleg und die Waffe getrennte Wege gehen. Von da an springt der Film von einem Ort zum anderen, von Joey zu Oleg zu den Verfolgern. Unterstützt wird diese Hektik noch durch die Kamera, die die mittlerweile beliebt gewordene Videoclip-Optik bietet (die man mögen kann oder auch nicht; zumindest in diesem Film passt sie endlich einmal) und die schnellen Schnitte.
Einziges Manko des Films, neben den Charakterschwächen, ist die in meinem Augen überhand nehmende Gewalt. Sicherlich darf und muss man bei solch einem Film mit derlei Personal die eine oder andere Form der Gewalt erwarten, aber für meinen Geschmack fließt und spritzt etwas zu viel Blut. Weniger hätte dem Sehvergnügen keine Abbruch getan, im Gegenteil. So aber muss er sich das Prädikat blutrünstig gefallen lassen. Dennoch ist "Running Scared" ein nettes Filmchen, der das Genre mit Sicherheit nicht neu erfindet (<- noch ein Klischée), der aber trotzdem schlicht Spaß macht und gut unterhält. Und die wenig entwickelten Charaktere verschmerzt man ebenso wie das dann doch wieder stereotyp geratene Ende des Films.
(USA 2006, 122 min., FSK 16; R: Wayne Kramer; D: Paul Walker, Cameron Bright, Vera Farmiga, Chazz Palminteri, Karel Roden, John Noble; Film auf imdb)







