"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
11. Februar 2006
Sommer vorm Balkon

von baumgarf | 21:56 | kommentieren

"Sieh dir die Nacht an. Es wird heute gar nicht dunkel."
"Nein, es wird schon wieder hell."

Poster: Sommer vorm BalkonNike ist alles andere als schüchtern, außerdem zieht sie sich gerne aufreizend an. Wenn sie nicht gerade ihrem Beruf als hingebungsvolle Altenpflegerin nachgeht, ist sie immer auf der Suche nach dem anderen Geschlecht. Katrin ist hingegen das völlige Gegenteil. Geschieden, mit einem pubertierenden Sohn, ist sie derzeit auf der Suche nach einer neuen Arbeit. Dass sie sehr schüchtern ist, wirkt sich auf Bewerbungsgespräche allerdings nicht sonderlich positiv aus. Beide könnten unterschiedlicher nicht sein, dennoch sind sie beste Freundinnen. Sie beide leben in einem Berliner Altbau, und die meisten Abende enden auf Nikes kleinem Balkon, mit viel Alkohol und Lästereien. Doch dann lernt Nike Ronald (oder Roland?) kennen, der mit seinem LKW Teppiche durch Deutschland karrt. Katrin muss nun hinten anstehen, die damit aber nicht klarkommt. Ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.

Andreas Dresens neuer Film "Sommer vorm Balkon" lässt sich nicht leicht in Worte fassen, denn er lässt sich nur schwer begreifen. Allerdings nicht, weil die Handlung zu kompliziert wäre, sondern eher, weil die Handlung, das Geschehen, der ganze Film so alltäglich wirkt, dass er erst so richtig im Kopf ankommt, wenn der Abspann über die Leinwand flimmert. Und vielleicht noch nicht mal da. Denn die Handlung präsentiert uns nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben zweier Freundinnen. Wir werden mitten hineingeworfen, erleben Katrin bei einem Bewerbungstraining, Nike bei ihrer täglichen Routine als Altenpflegerin, wie sie von einem Pflegefall zum nächsten hetzt. Ohne große Einführung erfährt man auf diese Art und Weise schon viel über die einzelnen Charaktere. Allein wie sich Katrin beim gestellten Bewerbungsgespräch verhält, wie sie mit unsicherem Blick unbequem sitzend auf der Stuhlkante herumrutscht erzählt uns schon (fast) alles, was wir über die Person wissen müssen. Ebenso verhält es sich mit Nike, die sich in Verhalten und Aussehen wenig menschenscheu zeigt und doch mit ihrer Berliner Schnauze so ganz anders ist, als der erstem äußere Eindruck glauben macht.

Und dann passiert eigentlich nichts mehr, als dass sich Nike in den LKW-Fahrer Ronald (oder Roland?) verguckt, der kurz zuvor noch beinahe Katrin überfahren hätte. Eigentlich etwas ganz Alltägliches, aber für die Freundschaft der beiden bedeutet es einen riesigen Einschnitt. Vorbei sind die Zeiten, in denen bis in die Morgenstunden auf dem Balkon Flasche um Flasche Rotwein (oder Härteres) vernichtet wurde. Wir bekommen vor Augen geführt, wie fragil so eine Freundschaft sein kann, insbesondere eine, die mit relativ vielen Gegensätzen gespickt ist. Aber selbst wenn wir der Versuchung erliegen sollten, den Film, die Geschichte als etwas Besonderes anzusehen, so gelingt es Regisseur Dresen und seinem Autor Kohlhaase durch einen simplen Kniff, dies zu relativieren, durch eine einfache Texteinblendung kurz vor Schluss. Drei Wörtchen lassen einen glauben, dass das Geschehen auf der Leinwand keine Besonderheit ist, sondern jedem von uns genau so passieren kann, dass es, in anderen Worten, real ist.

Allgemein wird Realismus hier besonders groß geschrieben. Zwar setzt Dresen dieses Mal keine Handkameras ein, wie noch bei "Halbe Treppe", um dem Film diesen Realismus zu verleihen, sondern er besetzt den Film einerseits mit hervorragenden Darstellern in den Haupt- und tragenden Nebenrollen (allen voran Nadja Uhl und Inka Friedrich spielen grandios, sie wirken schlicht "echt"), andererseits sind die meisten übrigen Nebenrollen mit Laiendarstellern besetzt, zum Teil in den Funktionen, die sie auch im wahren Leben innehaben. So wirkt das Bewerbungstraining zu Beginn des Films nicht gespielt, sondern echt. Der Film hat den Anschein einer Dokumentation bekommen.

Man kann am Ende nicht genau sagen, was es ist, warum "Sommer vorm Balkon" derart gut gefallen hat - auch als Mann, obwohl die im Film dargestellte Männlichkeit, hauptsächlich in Form von LKW-Fahrer Ronald (oder Roland?), nicht sonderlich gut wegkommt. Vielleicht gerade deshalb, weil die Geschichte so unspektakulär ist. Sie könnte man genauso gut von einem Freund bei einem guten Glas Wein in einer Kneipe erzählt bekommen. Und verwundert es, dass neben dem titelgebenden Balkon dann auch eine Kneipe Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist? Ein unspektakulärer Film vielleicht, aber dennoch empfehlenswert. Oder würde man sagen, dass ein entspannter Abend mit einem Freund verschwendete Zeit gewesen ist, in der man sich nicht gut unterhalten hat?

(Deutschland 2005, 105 min., FSK 12; R: Andreas Dresen; D: Nadja Uhl, Inka Friedrich, Andreas Schmidt, Stefanie Schönfeld, Christel Peters, Kurt Radeke; Film auf imdb)

 
kommentieren

Name:

E-Mail:

Homepage:

Hier 'notausgang' eingeben:

Fluchtgedanken: (kein HTML)