"The innocent are sometimes slain to make way for grander schemes."
Chris Wilton scheint es geschafft zu haben. Als ehemaliger Tennisprofi und jetziger Tennislehrer in einem Club für die oberen Zehntausend hat er die Bekanntschaft von Tom Hewett gemacht und über ihn die seiner gesamten Familie, die ihn sofort sympathisch findet. Vor allem Tom Schwester Chloe, die sich in Chris verliebt - und er ist ihr auch nicht abgeneigt. Bald schon klingen die Hochzeitsglocken. Chris erhält einen Job in der Firma seines Schwiegervaters, in der er bald Stufe um Stufe aufsteigt. Doch dann lernt er Nola kennen, eine abgehalfterte Schauspielerin aus den Staaten. Doch es gibt ein Problem: sie ist Toms Verlobte. Dennoch beginnen sie ein Verhältnis, und schon bald gerät Chris' geordnetes Leben aus den Fugen.
Woody-Allen-Fans aufgepasst. "Match Point" unterscheidet sich grundlegend von den letzten Filmen des wortgewaltigen New Yorkers. Denn weder ist der für Allen-Filme typische Wortwitz im Film vertreten (bis auf ein, zwei Gelegenheiten) noch spielt Woody Allen selbst mit oder eine Stellvertreterfigur (wie noch Will Ferrell in "Melinda und Melinda"). Zudem hat er zum ersten Mal seine eigentliche Filmstadt New York verlassen und statt dessen London in Szene gesetzt, aber ebenso gekonnt und pittoresk. Und nicht zuletzt handelt es sich bei dem Film um keine Komödie, vielmehr wird hier eine Charakterstudie erster Güte geboten, die sich sehen lassen kann. Dramatisches Ende inklusive.
Und für seine Charaktere lässt sich der Film Zeit, viel Zeit. Beinahe zwei Drittel des Films sind damit beschäftigt, die Figuren von allen Seiten mit allen Facetten zu beleuchten. Dabei ist Woody Allen auch ein hohes Risiko eingangen. Denn die Hauptfigur des Chris Wilton, um die sich der Film letzten Endes dreht, hervorragend dargestellt von Jonathan Rhys-Meyers, ist bei weitem kein Sympathieträger. Zwar stammt er aus armen Verhältnissen und hat seinen Weg gemacht, aber der Weg zum Erfolg wird skrupellos verfolgt. Ohnehin ist der Charakter von Chris sehr zwiespältig. Denn einerseits hat er zwar seinen Weg gemacht, dennoch fühlt er sich selbst nicht hundertprozentig wohl in dieser hohen Gesellschaft. Am besten verdeutlicht wird dies bei einer Gartenparty, bei der alle Beteiligten um einen kleinen, filigranen Gartentisch herum angeordnet sind - bis auf Chris, der etwas abseits außerhalb der Gruppe sitzt und sie wie ein Fremdkörper beobachtet. Als Zuschauer kann man sich sowieso nie sicher sein, ob Chris' Handlungen seinem eigenen Wunsch entsprechen, oder ob er nur seinen Freunden und Schwiegereltern gefallen möchte. Zwiespältig und berechnend. Vor allem im Bezug auf seine Heirat sind Zweifel angebracht. Hat er nur geheiratet, um Zugang zu einer der reichsten Familien Englands und damit in die Firma seines Schwiegervaters zu erreichen, oder war tatsächlich Liebe im Spiel?
A propos Liebe. Die einzigen Empfindungen von Chris, über deren Aufrichtigkeit man sich als Zuschauer gewiss sein kann, betreffen die Figur von Nola. Wie er stammt auch sie aus eher kleinen Verhältnissen, aus irgend einem Kuhdorf in den Tiefen der USA. Doch im Gegensatz zu Chris hat sie ihre Herkunft nicht verraten. Sie gibt sich, wie sie ist, auch wenn sie dadurch vor allem mit Mutter Hewitt das eine oder andere Mal aneckt. Gerade diese Eigenschaft scheint Christ zu faszinieren (das, und Nolas Lippen, natürlich). Hals über Kopf verliebt er sich in sie, gegen jegliche Vernunft stürzen sich beide in eine amour fou, die, als Zuschauer ahnt man es bereits, zu keinem guten Ende führen kann (wie es sich für eine amour fou eben gehört), ist sie doch die Verlobte seines Schwagers. Das Ende sei hier natürlich nicht verraten, nur soviel, dass es in seiner Skrupellosigkeit erschreckend ist, jedoch nicht anders hätte ablaufen können.
Man könnte nicht sagen, dass man den Film mit einem guten Gefühl verlässt. Aber nicht, weil es kein guter Film ist. Vielmehr wegen dem Bild der Gesellschaft, das Woody Allen mit seinem jüngsten Film zeichnet. Erfolg kommt nur zu einem gewissen Teil durch Ehrgeiz und Arbeit. Ein großer Teil ist auch dem Glück zu verdanken. Der Einstieg in den Film verdeutlicht dies schon mit einem Tennisspiel, als der Ball an der Netzkante hängen bleibt und nach oben springt. Wohin der Ball fällt, ist noch nicht gewiss. Man kann Glück haben oder auch nicht. Das trifft auch auf den Charakter von Chris zu, denn der gesamte Film kann als Match angesehen werden, sein Match. Er spielt die Bälle, d.h. mit den Menschen in seiner Umgebung, meist zu seinen Gunsten, doch am Ende ist es wieder nur eine Frage des Glücks. Genau diese Erkenntnis, auch in Hinblick auf das Geschehen im Film (die Einstellung mit dem Tennisball wird noch einmal etwas verändert gezeigt), macht diesen Film so schmerzhaft. Aber auch so sehenswert. Auch nicht zuletzt wegen der hervorragenden Darsteller.
(Großbritannien/Luxemburg 2005, 124 min., FSK 12; R: Woody Allen; D: Jonathan Rhys-Meyers, Scarlett Johansson, Matthew Goode, Emily Mortimer, Brain Cox; Film auf imdb)







