"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
21. Dezember 2005
Ein ungezähmtes Leben

von baumgarf | 18:12 | kommentieren

"Man nennt es Unfall, weil niemand schuld hat."
"Man nennt es Unfall, damit sich der Schuldige besser fühlt."

Poster: Ein ungezähmtes LebenAuf Anraten ihrer 11-jährigen Tochter Griff verlässt Jean Gilkyson nach zwei Jahren endlich ihren gewalttätigen Liebhaber. Doch wohin soll sie gehen? Als einziger Zufluchtsort fällt ihr die Ranch ihres Schwiegervaters Einar in Wyoming ein, der dort zurückgezogen mit seinem Jugendfreund Mitch lebt, den er pflegt, seit dieser von einem Bär angefallen wurde. Doch Einar ist wenig begeistert, dass Jean sich bei ihm einnisten will, macht er sie doch für den Tod seines Sohnes verantwortlich, der vor zehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Widerwillig raufen sie sich zusammen, bis Jean genug Geld im Ort verdient hat, dass sie sich eine eigene Bleibe suchen kann. Langsam jedoch taut die Beziehung zueinander wieder auf, nicht zuletzt dank Griff, der es gelingt, sich ins Herz ihres Großvaters zu stehlen.

Man kann es dem Film nicht hoch genug anrechnen, dass Jennifer Lopez nicht weiter unangenehm auffällt. Denn sie mag vielleicht gut singen können, als Schauspielerin taugt sie aber nicht sonderlich viel. Dann wiederum hätte man die Rolle der Jean Gilkyson mit so ziemlich jedem besetzen können, der nur annähernd wie eine Frau aussieht, denn das Hauptgewicht von "Ein ungezähmtes Leben" liegt ganz klar auf der Figur des Einar Gilkyson, dargestellt von Robert Redford. Und der spielt so gut wie lange nicht mehr. Vor allem im Zusammenspiel mit Morgan Freeman, der den Jugendfreund Mitch verkörpert, verhalten sich beide wie ein altes Ehepaar. Insbesondere im Bezug auf den Bären kommt diese Paarung immer wieder bestens zur Geltung.

Überhaupt ist der Bär weit mehr als nur eine nette Dreingabe für den Film. Vielmehr verdeutlicht er den Gemüts- und Seelenzustand Einars im Verlauf der Handlung. Zu Beginn fällt das plötzliche Auftauchen Jeans zusammen mit dem Einfangen des Bären - Einar fühlt sich ebenfalls in die Defensive gedrängt, gefangen in seinem Glauben, seine Schwiegertochter sei Schuld am Tod seines Sohnes. Als er dann auf Bitten von Mitch sich um den Bären kümmert und ihn füttern geht, begleitet ihn seine Enkelin. Tatsächlich ist sie diejenige, die am Ende den Bären füttert - und parallel dazu beginnt, die emotionale Blockade von Einar zu durchbrechen. Am Ende dann wird der Bär wieder freigelassen, und auch Einar hat sich mittlerweile geöffnet und akzeptiert die Anwesenheit Jeans. Interessanterweise ist Mitch der einzige, der diese Zusammenhänge ebenfalls zu bemerken scheint, obwohl er derjenige war, der vom Bären angefallen wurde.

Ansonsten verläuft der Film ruhig in seinen Bahnen. Man kann ihn keinesfalls als spannend bezeichnen, denn man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, wie der Film enden wird. Aber das Fehlen eines richtigen Höhepunkts wird wett gemacht durch die feine Charakterzeichnung, die den Figuren angedeiht. Man merkt dem Film an, dass Lasse Hallström hiermit nicht sein erstes Drama auf die Leinwand zaubert, sondern schon reichlich Erfahrung sammeln konnte, sei es mit "Chocolat", "Schiffsmeldungen" oder "Gilbert Grape". Zwar erreicht "Ein unzähmbares Leben" nicht ganz die Klasse der eben genannten (oder auch "Gottes Werk und Teufels Beitrag", um noch einen seiner Filme zu nennen), aber lohnenswert ist er allemal. Und Anfang Februar kommt mit "Casanova" ja schon der nächste Film von Lasse Hallström in die Kinos. Vielleicht bietet dieser wieder den gewohnt hohen Standard.

(USA 2005, OT: An Unfinished Life, 108 min., FSK 6; R: Lasse Hallström; D: Robert Redford, Jennifer Lopez, Morgan Freeman, Josh Lucas, Damian Lewis, Camryn Manheim, Becca Gardner, Bart der Bär; Film auf imdb)

 
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