"Du darfst die Braut jetzt küssen."
In einem kleinen viktorianischen Städtchen sollen Victor und Victoria zwangsverheiratet werden. Die Van Dorts, Victors Familie, erhoffen sich dadurch Zugang zu den oberen Kreisen der Gesellschaft, während Victorias Verwandtschaft, die Everglots, in der Heirat einen Weg aus ihrer finanziellen Krise sieht. Doch die Hochzeit verläuft alles andere als nach Plan. Nachdem Victor vor Nervosität die Hochzeitsprobe vermasselt, wird er zum Üben des korrekten Ablaufs in den Wald geschickt. Als er beim Rezitieren seines Treueschwurs den Ehering auf einen dürren Ast steckt, entpuppt sich jener jedoch als Skeletthand einer ermordeten Braut, die sich von nun an mit Victor verheiratet sieht und ihn ins Totenreich entführt. Doch so fasziniert Victor von der Totenbraut auch mit der Zeit ist, kann er Victoria, in die er sich trotz arrangierter Vermählung verliebt hat, nicht vergessen.
Zwölf Jahre hat es gedauert, bis nach "Nightmare Before Christmas" der neue Puppentrickfilm von Tim Burton über die deutschen Leinwände flimmert. Und die Wartezeit hat sich mehr als gelohnt, wurde doch mit "Corpse Bride" ein für Tim Burton würdiger Stoff gefunden, der auf einer russischen Volksweise aus dem 19. Jahrhundert beruht. Wer nun allerdings denkt, dass aus der Vorlage ein düsteres Horrormärchen entstanden ist, muss sich eines Besseren belehren lassen. Denn letzten Endes ist "Corpse Bride" eine sehr romantische Erzählung, Liebe bis in den Tod sozusagen, die mit den Mitteln der Stop-Motion-Technik hervorragend umgesetzt wurde.
Schon die Gestaltung der Sets spricht Bände. Während die Welt der Lebenden in grau und gedämpft daherkommt, in der fast jeder Bewohner einen Gesichtsausdruck zur Schau trägt, als hätte er eine akute Magenverstimmung, geht in der Totenwelt die Post ab. Bunt, laut und lustig sind die Toten, kleine verwinkelte Häuser lehnen sich in enge Gassen hinein, überall fröhliche Menschen, äh, Leichen, vollgepackte Kneipen. So muss eine Leichenfeier aussehen. Kein Vergleich zur öden, leeren Oberwelt, in der riesige Räume allein mit einem Klavier möbliert sind, das selbstverständlich nicht benutzt werden darf. Das wäre dann doch zu fröhlich, frivol. Vor lauter Jubel und Trubel fällt dann auch fast die Detailverliebtheit der Szenen nicht ins Auge, die zur Schau getragen wird. Vor allem die riesige Bibliothek des altehrwürdigen Skeletts Elder Gutknecht ist phantastisch gelungen.
Aber was wären die schönsten Setbauten eines Puppenfilms ohne Puppen? Und diesen merkt man den technischen Fortschritt am deutlichsten an, der seit "Nightmare Before Christmas" stattgefunden hat. Wurde anno 1993 noch für jede Mimik ein anderer Kopf auf die Figur gesetzt, werden nun die Gesichtszüge mittels einer Mechanik verzogen und verzerrt. Das sich dabei ergebende Mimenspiel sucht seinesgleichen und macht nach kurzer Zeit vergessen, dass tatsächlich nur Pappkameraden (nun gut, Edelstahl-und-Silikon-Kameraden) über die Leinwand huschen. Manch gefeierter Schauspieler aus Fleisch und Blut könnte sich davon noch eine Scheibe abschneiden. Dass mittels dieser neuen Technik die Bewegungen der Figuren flüssiger geworden sind und nicht mehr ganz so ruckelig wie noch bei "Nightmare" mag den einen oder anderen stören, da es einen ganz eigenen Reiz entwickelte, störend ist das hier aber bei weitem nicht, der Film bietet auch so genügend Reize.
Ein Kritikpunkt, so man denn einen finden möchte, muss dennoch angesprochen werden. Der Film läuft gerade mal 76 Minuten. Der Vorteil liegt aber klar auf der Hand: Längen und unnötige Szenen kommen schlicht nicht vor, der Film ist genau so lang wie nötig. Vor allem aber, und das kann man nicht hoch genug anrechnen, bietet er eine Besonderheit, die leider viel zu wenig Filme aufweisen: Der Film endet genau dann, wenn man als Zuschauer das Gefühl hat, mit der eben gesehenen Szene wäre ein schönes Ende gegeben. Und dann läuft der Abspann. Kein unnötiger Epilog, kein 17. Ende wie bei "Herr der Ringe". Einfach perfekt.
"Corpse Bride" ist ein wunderbarer, atmosphärisch dichter Film geworden, dem leider der breite Erfolg wohl allein schon durch die Art der Gestaltung verwehrt bleiben dürfte. Zumindest hier in Stuttgart läuft er beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In der deutschen Fassung des Films ist man auch der Gefahr entgangen ist, als Sprecher deutsche (Pseudo-)Prominenz zu verwenden anstatt der original Synchronstimmen der Schauspieler, was neuerdings bei Animationsfilmen leider zur Regel geworden ist ("Madagascar", "Robots", etc.). Unterlegt mit einem wie üblich klasse Soundtrack von Tim Burtons Haus- und Hofmusiker Danny Elfman, der meiner Ansicht nach sogar noch "Nightmare Before Christmas" überbietet, sollte man sich "Corpse Bride" auf keinen Fall entgehen lassen.
(Großbritannien 2005, OT: Corpse Bride, 76 min., FSK 6; R: Tim Burton, Mike Johnson; D: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Emily Watson, Albert Finney, Christopher Lee, Richard E. Grant, Tracey Ullman; Film auf imdb)







