"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
23. Mai 2005
I Heart Huckabees

von baumgarf | 03:46

"Wie bin ich nicht ich selbst?"

Poster: I Heart HuckabeesAlbert Markovski, ein Umweltaktivist, der bei den Versammlungen seiner Umweltgruppe mit Vorliebe selbstgeschriebene Gedichte rezitiert, hat Probleme. Nicht nur, dass sein Kumpel Brad, Geschäftsführer der Kaufhaus-Filiale Huckabees, versucht, ihn aus seinem Projekt zum Schutze des Sumpfes zu drängen, um daraus Vorteile für sich und das Kaufhaus zu schlagen, die darauf eine neue Filiale bauen wollen, er ist auch Opfer eines Zufalls. Drei mal hintereinander, zu den unterschiedlichsten Zeiten und Begebenheiten, trifft er einen Schwarzen. Deshalb heuert er Bernard und Vivian Jaffe an, zwei existenzielle Detektive, die das Leben von Menschen durchleuchten und ihnen helfen, es wieder in, nach ihrer Meinung, geregelte Bahnen zu lenken. Nun wird also auch Alberts Leben unter die Lupe genommen, um herauszufinden, was dieser Zufall für sein Leben bedeutet.

Ganz Hollywood ist vom Mainstream-Kino in Beschlag genommen. Ganz Hollywood? Nein, eine kleine Schar Filmschaffender widersetzt sich dem gängigen Trend und versucht, dem Kino wieder etwas Niveau einzuhauchen mit intelligenten, durchdachten und gelegentlich auch ziemlich schrägen Filmen. Bestes Beispiel hierfür dürfte derzeit der Autor Charlie Kaufman sein, der mit seinen Drehbüchern zu "Vergiss mein nicht!", "Adaption" oder "Being John Malkovich" den Beweis erbracht hat, dass erfolgreiches Kino nicht notwendigerweise auch lautes Kino sein muss. Zugegeben, an den Erfolg eines Blockbusters kommen auch diese Filme nicht heran, aber mit den Zuschauern verhält es sich ebenso wie mit Hollywood: nur eine geringe Anzahl will sich ihren Kinoabend mit Filmen versüßen, in denen neben Augen und Ohren auch das Hirn beansprucht werden muss. Weswegen es ein Film wie "I Heart Huckabees" ebenfalls ziemlich schwer haben dürfte, sich an der Kinokasse durchzusetzen.

Was sehr bedauerlich ist, zeigen doch solche Filme eindrucksvoll, dass das EKG der Kreativität noch nicht die Nullinie erreicht hat. Denn intelligent muss nicht gleich langweilig/-atmig sein. Regisseur und Drehbuchautor David O. Russell schaltet nach der Kriegssatire "Three Kings" noch einen Gang höher und legt mit "Huckabees" ein Tempo vor, dass einem schwindlig wird. Nicht zuletzt die Dialoge haben daran einen großen Anteil, werden dem geneigten Zuschauer doch philosophische und pseudophilosophische Thesen im Minutentakt um die Ohren geschlagen, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Das große Verdienst des Film ist es dann auch, dass man sich trotzdem nicht verloren fühlt, den Film ad acta legt und sich zum x-ten Mal mit "Star Wars" berieseln lässt, sondern das bunte Treiben nach wie vor mit Aufmerksamkeit belohnt. So wirr der Streifen auch erscheint, so durchdacht ist er (man beachte die große Tafel im Bernards Büro; der Sinn des Dargestellten erkennt man im Verlauf des Films). Zwar fragt man sich ab etwa der Hälfte unweigerlich, ob "Huckabees" nicht eine groß angelegte Verarsche des Kinogängers ist und nichts, aber auch rein gar nichts einen Sinn ergibt, geschweige denn eine richtige Story vorhanden ist, aber da ist das einem schon ziemlich egal, seltsamerweise. Spätestens wenn sie versuchen, sich mittels eines großen, roten Gummiballs, der wiederholt gegen den Kopf geschlagen wird, ein freies und klares Denken zu verschaffen, genießt man nur noch die Absurditäten, die von den spielfreudigen Darstellerin präsentiert werden.

Überhaupt die Darsteller: Nicht nur, dass hier ein exzellentes Ensemble vor der Kamera versammelt wurde, jedem einzelnen merkt man den Spaß an, den sie offensichtlich bei den Dreharbeiten gehabt haben (klingt wie eine abgedroschene Floskel, ist es auch, ändert aber nix an der Tatsache). Dustin Hoffman gibt den kauzigen Detektiv mit Beatles-Frisur genauso überzeugend wie Jude Law das arrogante Arschloch (gut, dass er die Rolle perfekt beherrscht, hätte nun niemand bezweifelt), Jason Schwartzman (Notiz an selbst: unbedingt noch Wes Anderson's "Rushmore" ansehen) den selbstverliebten Umweltschützer oder Naomi Watts das gutaussehende Blondchen, dass eigentlich nur gut auszusehen hat, sich aber später auch in die Fänge der existenziellen Detektive gibt und fortan nur noch mit Latzhose, Häubchen und grünen, weil ungeputzten, Zähnen herumläuft. Back to the roots.

"I Heart Huckabees" wird sicherlich die Gemüter spalten. Für die einen (wie mich) ist es eine geniale, skurrile Komödie, mit der man sich knappe zwei Stunden köstlich amüsieren kann und die sondersgleichen sucht. Andere werden den Film nach zehn Minuten abschalten, weil sie ihn für das nutzloseste und nichtssagendste Machwerk seit Angedenken halten (und sich ein für alle sichtbares großes Fragezeichen über dem Kopf zu bilden beginnt). Dennoch sollte man dem Film eine Chance geben (nicht zuletzt um zu erfahren, was die Dixie Chicks mit dem Sinn des Lebens zu tun haben), denn so etwas sieht man wirklich nicht alle Tage. Und Mainstream kann man schließlich immer haben.

(USA 2004, 106 min., FSK 12; R: David O. Russell; D: Jason Schwartzman, Isabelle Huppert, Dustin Hoffman, Lily Tomlin, Jude Law, Mark Wahlberg, Naomi Watts; Film auf imdb)