"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
21. März 2005
Die Tiefseetaucher

von baumgarf | 18:10

"Manche von euch kenne ich schon seit Ewigkeiten. Einige sind schon etwas länger dabei."

Poster: Die TiefseetaucherSteve Zissou ist ein abgehalfteter Ozeanograph weit jenseits seiner erfolgreichen Tage. Seine Ehe geht den Bach runter, und sein bester Freund wurde gerade bei ihrem letzten Tauchgang getötet, von einem mysteriösen Jaguarhai. Um seinen Ruf wieder herzustellen und seinen Freund zu rächen, begibt er sich auf die Suche nach dem ominösen Hai, um ihn zu töten. Wie gut, dass sein mutmaßlicher Sohn Ned ebenfalls mit an Bord ist und sein gerade angetretenes Erbe in den Dienst des Ozeanographens stellt, hat ihn doch gerade sein Geldgeber den Rücken gekehrt. Die Suche nach dem Hai gestaltet sich jedoch schwieriger als angenommen, muss er sich doch auch noch mit Piraten, einer kurz der Meuterei stehenden Mannschaft und einer aufmüpfigen Journalistin herumschlagen.

Um es kurz zu machen: Wer bei "Die Tiefseetaucher" einen Film mit Brachialhumor erwartet, der kann hier jetzt aufhören zu lesen, sich ein Bier aus dem Kühlschrank holen und vergessen, jemals etwas von dem Film gehört zu haben. Denn hier geht es äußerst subtil und hintergründig zur Sache. Und offensichtlich scheinen damit einige ihre Probleme zu haben, wie diese Kritik beweißt. Dabei besteht die ganze Kunst darin, zuzuhören und teils zwischen den Zeilen zu lesen. Aber auch damit haben ja so manchen ihre liebe Mühe. Anders lassen sich, meines Erachtens, schlechte Kritiken nicht erklären. Wie z.B. in der neuesten Ausgabe der Cinema, die dem Film eine "seltsame Komik" bescheinigt, über die kaum einer lachen könne. Muss ich mir das von einer Zeitschrift sagen lassen, die "Boogeyman" über den Schellenkönig lobt?

Aber über Geschmack lässt sich bekanntermaßen nicht streiten, also zurück zum Film, der vieles auf einmal ist und den Spagat auch gekonnt vollzieht. Familiendrama, leise Komödie, Abenteuerfilm, etwas Action. All das vereint der Regisseur mit einer ungeheuren Detailverliebtheit in seinem Werk. Angefangen bei den verschrobenen und doch liebenswürdigen Charakteren, deren Macken und Ticks alleine schon ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern, bis hin zu den Setbauten, insbesondere der Aufbau des Schiffs, das zwecks besserer Übersicht für den Zuschauer (und die Kamera) längs in der Mitte durchgeschnitten wurde. Wer würde schon eine Sauna auf einem Schiff erwarten, nebst Labor und Schneideraum? Und wie selbstverständlich tummeln sich da auf einem Fensterbrett im Hintergrund kleine Figürchen, die nur unscharf hinter einer Person zu erkennen sind. Man merkt, wie gekonnt versucht wurde, eine Authentizität herzustellen, die den Figuren gerecht wird. Schon alleine deshalb würde sich ein zweiter Kinogang lohnen, um sämtliche Feinheiten wahrnehmen zu können.

Bewusst wurde auch bei der Darstellung der Meeresbewohner auf Computertricks verzichtet, statt dessen wurde auf die altbewährte Stop-Motion-Technik zurückgegriffen. Dadurch bekommt der Film nochmals einen besonderen Reiz, denn so wie auch die Crew und deren Ausrüstung nicht mehr auf dem neuesten Stand der Dinge ist, genauso altertümlich wirken auch die originellen Lebewesen unter Wasser. Sämtliche Unterwasseraufnahmen wirken übrigens ebenso künstlich-gestellt wie auch Zissous Naturfilme. Verantwortlich für die Stop-Motion-Sequenzen zeigt übrigens Henry Selick, der auch schon das Meisterwerk "Nightmare Before Christmas" aus der Taufe gehoben hat.

Vielleicht sollte ich meinen Anfangs-Sermon etwas relativieren. Sicher ist dieser Film nicht jedermanns Sache, keine Frage, dafür ist der Humor einfach zu abgedreht. Aber ich erwarte von einer seriösen Kino-Zeitschrift, sich mit einem Film gebührend auseinanderzusetzen, und nicht, ihn in ein paar wenigen Zeilen abzukanzeln. Denn statt die Jagd auf den Hai als einziges Handlungselement zu setzen, wodurch der Film tatsächlich etwas seicht wirken könnte, sollte man die Beziehungen der Figuren untereinander nicht vernachlässigen, die vielschichtig genug sind, um zwei Stunden lang Interesse wecken und unterhalten können. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, dass die Suche nach dem Hai ebenfalls die Suche von Zissou nach sich selbst ist, eine Art Selbsterkenntnis. Wie auch immer, ich jedenfalls kann diesen Streifen nur jedem ans Herz legen, dem auch schon "The Royal Tenenbaums" gefallen hat.

(USA 2004, OT: The Life Aquatic with Steve Zissou, 119 min., FSK 12; R: Wes Anderson, D: Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Michael Gambon, Noah Taylor, Bud Cort; Film auf imdb)