"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
14. März 2005
Code 46

von baumgarf | 05:09

"Kann man jemanden vermissen, an den man sich nicht erinnert?"

Poster: Code 46In nicht allzu ferner Zukunft lebt der privilegiertere, weil genetisch reinere, Teil der Menschheit in nach außen abgesicherten Städten, während der Rest in wüstenähnlichen Bezirken außerhalb zusammengerottet lebt. Das Reisen zwischen den Städten ist nur mit einem speziellen, für eine bestimmte Zeit gültigen, Ausweis möglich. Hersteller dieser Ausweise ist eine Gesellschaft namens "Sphinx", die auch für den Schutz der Städte verantwortlich zeigt. Neuerdings tauchen jedoch immer mehr Fälschungen dieser Ausweise auf, mit denen die Menschen der Außenwelt versuchen, in die Städte einzureisen. Der Versicherungs-Agent William Geld wird deshalb auf diesen Betrugsfall angesetzt. Ausgestattet mit einem sogenannten Empathie-Virus, der es ihm erlaubt, die Gedanken anderer zu lesen, hat er schnell die Schuldige ausgemacht, eine Arbeiterin namens Marie Gonzales. Damit wäre der Fall eigentlich abgeschlossen, wenn sich William inzwischen nicht in Marie verliebt hätte.

Mit "Code 46" kommt ein recht eigenwilliges Stück Science-Fiction in die Kinos — nicht zuletzt wegen des gewagten Vergleichs mit "Blade Runner", den die Produktionsfirma anstellt. Zwar verströmen beide Filme eine düstere Grundstimmung, spielen weltumspannende Gesellschaften ("Sphinx" hier wie "Tyrell Corporation" in "Blade Runner") eine zentrale, wenn auch hintergründige Rolle, aber während "Blade Runner" an allen Ecken und Enden nach Science-Fiction aussieht, der die Mittel des Genres voll ausschöpft, bedient sich Code 46 des Zukunfstthemas nur so weit, um ein an sich übliches Beziehungsdrama etwas interessanter zu gestalten und aufzupäppeln. Vielmehr bezieht der Film gerade seinen Reiz daraus, dass auf die Darstellung von futuristischen Spielereien fast vollständig verzichtet wird, die Geschichte könnte ebenso in ein paar Jahren stattfinden, wodurch die Beklemmung, die das Thema hervorruft (Genkontrolle, Zwei-Klassen-Gesellschaft), noch verstärkt wird.

Wer nun also ein Action-Feuerwerk im Stile von "Minority Report" oder "I, Robot" erwartet, der dürfte nachhaltig enttäuscht werden. Denn das Tempo des Films ist am besten mit gemächlich und bedächtig zu beschreiben. Er lässt sich Zeit, die Beziehung der beiden Hauptcharaktere zueinander aufzubauen, die sich vorsichtig und fast schüchtern aufeinander zubewegen, so, als seien sie sich stets des Risikos bewusst, das ihre Liebe zueinander darstellt; eine Liebe, die nicht sein darf, da ihr Genmaterial zu ähnlich und laut dem titelgebenden Code 46 deshalb eine Beziehung verboten ist. Man muss den beiden Hauptdarstellern Anerkennung zollen, die diesen inneren Konflikt glaubwürdig vermitteln.

Eigentlich gibt es noch einen dritten Hauptdarsteller, der jedoch nicht sofort erkenntlich wird, auch wenn er die ganze Zeit präsent ist. Gemeint ist die Optik und Bildsprache, die dem Film einen eigenen Stempel aufdrückt. So wird mit verschiedenen Aufnahmeverfahren experimentiert (mal ist das Bild scharf, dann wiederum sieht es aus, als sei es mit einer Handkamera aufgenommen), optische Stilmittel kennzeichnen die verschiedenen Orte. So wirken die Städte, behütet und geschützt, ebenso wie deren Bewohner, steril und farblos (Shanghai und Dubai stellen das Shanghai der Zukunft dar), während die Bezirke außerhalb vor Farben und Leben strotzen. Ein großes Lob an die gelungene Bildkomposition.

Ein Kritikpunkt muss auch noch angesprochen werden, und zwar die im Film verwendete Sprache. Man hat versucht, den Eindruck einer globalen Weltsprache zu erwecken, mit in Englisch (bzw. Deutsch in der Synchronisation) eingestreuten Wortfetzen von Spanisch, Arabisch, Mandarin und weiteren Sprachen, jedoch wurde dies nicht konsequent genug durchgesetzt, wodurch es am Ende nurmehr künstlich und unglaubwürdig wirkt.

Mit Sicherheit ist "Code 46" kein Film für das Mainstream-Publikum. Aber es muss auch Filme abseits davon geben, die wahrscheinlich ein (leider) nicht so großes Publikum finden werden, aber dennoch zu gefallen wissen. Wer etwas mit intelligenten und gesellschaftskritischen Dramen anzufangen weiß, sollte diesem Film eine Chance geben.

(Großbritannien 2003, 93 min., FSK 12; R: Michael Winterbottom, D: Tim Robbins, Samantha Morton, Om Puri, Jeanne Balibar; Film auf imdb)