"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
17. Februar 2004
Kaufhausbummel

von baumgarf | 00:25

Äußerst schuldig gefühlt, als im Kaufhaus die Diebstahl-Magnet-Sicherungs-Dingens (wie auch immer sie im Fachjargon genannt werden) angeschlagen haben, als ich soeben im Begriff war, das Gebäude zu verlassen. Die Blicke der anderen Kunden taten ein übriges, um ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. Dabei hatte der Kassierer in der Hektik des Feierabend-Andrangs nur vergessen, die Ware über sein Entmagnetisier-Gerät zu ziehen. Obwohl, mit dem schlechen Gewissen, dass mir die anderen Kunden verpasst haben, wäre es durchaus angebracht gewesen, eine Stunde in Sicherheitsverwahrung zu verbringen. Und sei es nur, um ein Ventil für mein schlechtes Gewissen zu finden, damit ich fortan nicht mehr mit falschen Schuldgefühlen leben muss; und zur Beruhigung der anderen Kunden, der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Ob ich beim Kaufhaus jetzt Schmerzensgeld wegen psychischer Grausamtkeit einklagen kann? Oder bei den Kunden?

Ich werde auf jeden Fall nicht mehr derselbe sein wie zuvor. Ich werde immer mit einer gehörigen Portion Respekt an die Sicherheits-Gerätschaften herantreten (so ich denn überhaupt noch in der Lage sein werde, einkaufen gehen zu können, ohne in unkontrollierbares Zittern zu verfallen; wahrscheinlich werde ich eine Haushaltshilfe benötigen), immer damit rechnend, dass sie mit einem Ohren betäubenden Lärm die ganze Welt davon in Kenntnis setzen, dass ICH ein sozial verabscheuungswürdiges Subjekt (schlimmer noch, Objekt) bin, dass es nicht verdient hat, überhaupt Fuß auf diese unsere Erde zu setzen. Ein Dieb. Ein Kleptomane. Ein notorischer Verbrecher. Wer stiehlt, der frisst auch kleine Kinder.

Nachts werden mich fortan Alpträume plagen. Gefangen in einem Labyrinth aus Absperrungen, ich unterwegs mit einem Rucksack voll gestohlener Ware, übersät mit diesen kleinen Magnetstreifen, die, sobald ich in der Lage war, einen von ihnen zu entfernen, hydragleich dreifach wieder auftauchen. Ich werde mich in meinem Bett hin und her werfen, bis mein Wecker klingelt, der sich fatalerweise genauso anhört wie eben jene Sicherheits-Apparatur. Mit pochendem Herzen werde ich hochschrecken, mit Schweiß gebadeter Stirn, mit stark gehendem Atem. Jahre meines Lebens werden mir abhanden kommen, ich werde in einer ewigen Stresssituation leben, mein Hausarzt wird mein bester, mein einziger Freund, täglich werfe ich irgendwelche ominösen Medikamente, Psychopharmaka ein, die angeblich zu meiner Besserung beitragen sollen, dank denen ich allerdings höchstens kleine rosa Elefanten sehe, die Trompete spielen und mich auslachen. Und ständig werde ich darauf gefasst sein, dass hinter der nächsten Ecke eine Anti-Diebstahl-Sperre lauert, die bei meinem Anblick sofort Alarm schlägt und eine Hundertschaft Polizisten auf mich hetzt.

Und das alles nur, weil ein Kassierer versäumt hat, meine Ware zu entsichern. Ich armes Schwein, ich.