"You're only given a little spark of madness. You mustn't lose it." - Robin Williams
01. Februar 2004
Warnhinweise

von baumgarf | 03:03

Ich muss mich jetzt hier mal outen. Ganz ehrlich. Hier, in aller Öffentlichkeit. Ich bin Nichtraucher. So, jetzt ist es raus. Schweigen. Ich bin ein Sozialschmarotzer, ich werde nie die Rentenkassen durch Zigarettenkonsum saniert oder durch meine durch Rauchen verminderte Lebenserwartung den Nichtraucher-Senioren eine höhere Rente ermöglicht haben. Wenn es nur solche Leute wie mich gäbe, müssten unsere Rentner bis zu ihrem sozialverträglichen Frühableben an den Kassen der Supermarktketten arbeiten oder unter Brücken dahinvegetieren und ihre warme Mahlzeiten von der Bahnhofsmission beziehen. Aber, mal ehrlich, irgendwer muss ja auch davon profitieren. Die Raucher mit Sicherheit nicht, Lungenkrebs und ein langes Leben sind nunmal zwei Dinge, die einfach nicht zusammengehen.

Dennoch, und streicht euch diesen Tag rot im Kalender an, ich werde hier und jetzt eine Lanze brechen für die Raucher (aber nicht, dass ihr jetzt denkt, ich werde weich). Diese dämlichen Warnhinweise, die seit kurzem auf sämtlichen Zigarettenpackungen zu finden sind, hätte man sich doch eigentlich schenken können. Mal abgesehen davon, dass man jetzt mit einer Lupe einkaufen gehen muss, um überhaupt noch die Zigarettenmarke zu erkennen, nachdem die dezent in schwarz-weiss gehaltenen Aufkleber kaum mehr Platz für das Firmenlogo lassen. Aber wer auch immer die Texte entworfen hat, ein gesunder Menschenverstand war offensichtlich Mangelware.

Denn völlig durchdacht sind einige der insgesamt 14 Warnhinweise nicht. Zum Beispiel: "Ihr Arzt oder Apotheker kann Ihnen dabei helfen, das Rauchen aufzugeben." Schön. Ich kenne Ärzte, die rauchen wie die Weltmeister. Soll ich mir wirklich von jemanden, der selbst Kette raucht, Tipps geben lassen, wie man mit dem Rauchen aufhören kann? Und vor allem: Als wie wertvoll sind solche Ratschläge letzten Endes einzuschätzen? Aber wie Mark Twain schon sagte: "Sich das Rauchen abzugewöhnen ist die einfachste Sache der Welt. Ich habe das schon an die hundermal getan." Egal, weiter im Text. Gleich drei Beispiele auf einmal (und nein, Zigaretten sind keine Kinderüberraschung, nur undichte Präservative). "Rauchen kann zu Durchblutungsstörungen führen und verursacht Impotenz.", "Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein." und "Rauch enthält Benzol, Nitrosamine, Formaldehyd und Blausäure." Wer kann mir innerhalb der nächsten zehn Sekunden, ohne zu stottern, erklären, was Impotenz, Spermatozoen, Benzol, Nitrosamine und Formaldehyd sind? Man sollte doch eigentlich annehmen, dass Warnhinweise für alle Welt verständlich sein sollten. Nun, ich habe Abitur (was auch immer das in Zeiten von Pisa noch Wert ist) und studiere, ich weiß z.B. mit den Worten Impotenz, Spermatozoen und Benzol etwas anzufangen. Dass Nitrosamine wohl auch irgendein chemischer Schnick-Schnack sind, kann ich mir gerade noch zusammenreimen. Und bei Formaldehyd bin ich bislang eigentlich davon ausgegangen, dass es als Konservierungsmittel dient. Zumindest werden in der Biologie Präparate zur Haltbarkeit darin eingelegt (ist zumindest mein Stand der Dinge, aber - s.o., Pisa). Und schon haben wir den Widerspruch zu "Rauchen lässt Ihre Haut altern." Ja, was denn nun? Werde ich konserviert oder sehe ich nach zwei Zigaretten aus wie Inge Meysel? Ach ja, und es "schränkt die Fruchtbarkeit ein.", das bedeutet also nicht, dass man überhaupt keine Rotzgören und Blagen mehr in die Welt setzen kann (obwohl eine handelsübliche Sterilisation bald billiger zu haben sein dürfte, sollten die Tabakpreise weiter steigen. Mal sehen, vielleicht gibt's Zigaretten bald auch auf Rezept).

Braucht es noch mehr Beweise über Sinn und Unsinn solcher Warnhinweise? "Rauchen in der Schwangerschaft schadet Ihrem Kind." Guter Witz. Männer und schwanger werden? Sind wir denn Seepferdchen? "Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen." Wessen Tod? Meiner? Ich bin Misanthrop genug, damit mir das Leiden meiner Mitmenschen völlig egal wäre, würde ich denn Rauchen. Und wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, elendig an durch Rauchen verursachten Krebs zu verrecken? Davor werde ich wohl noch von einem Auto überfahren. Oder sterbe bei einem Busunglück.

Wo wir gerade dabei sind: Wo bleiben eigentlich die Warnhinweise dafür? Mal abgesehen davon, wie unterirdisch schwachsinnig die Tatsache ist, dass sich die Bundesregierung gerade dadurch diejenige Hand abhackt, die sie füttert. Ich finde, Kraftfahrzeuge sollten ebenfalls Warnhinweise tragen: "Autos töten Nachbars Katze und Nachbar selbst.", "Autofahren zerstört Arbeitsplätze des ÖPNV.", "Autofahren bringt sie in den Rollstuhl." Und von den Abgasen will ich erst gar nicht anfangen. Wo sind die Hinweise auf den Kondomschachteln ("Kondome schützen nicht vor Unterhaltszahlungen."), auf Schokolade ("Der Verzehr dieser Tafel Schokolade macht sie dick, fett, häßlich und zum Gegenstand einer Nachmittags-Talkshow."), auf seriösen Zeitungen ("Die Lektüre dieser Zeitung belastet ihr Gehirn unnötig mit Fremdwörtern."), auf Lutschern ("Der Genuss eines Lollis verursacht zahnloses Lächeln."), auf Talkshow-Moderatoren und Talkshow-Gästen ("Die Äußerungen dieser Person führen zu Gehirnerweichung und Gehörgangkrebs."), auf Betten ("Schlaf führt zu Realitätsverlust."), Alkohol ("Trinken hat den Verlust der Muttersprache und der Würde zur Folge"), Handys ("Der Elektrosmog dieses Geräts macht sie zum Großabnehmer von Viagra."), Viagra ("Die Einnahme dieses Präparats zeigt ihren Mitmenschen an, dass sie zu viel telefonieren.")?

Egal. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Regierung einsieht/einsehen muss, dass der Schuss ihrer ach so tollen Kampagne nach hinten losgegangen ist. So oder so. Entweder (a), es gibt weniger Raucher. Führt zu Mindereinnahmen durch die Tabaksteuer. Haushaltsloch. Staat erhöht Tabaksteuer, denn (Achtung, Milchmädchenrechnung) wenn weniger Raucher bei höheren Zigarettenpreisen ist gleich konstante Einnahmen (Wo ist der Fehler versteckt?), oder (b), es kümmert eigentlich niemanden und die ganze Aktion war für die Katz'. Tausende und Abertausende von Euros sind für unnütze Kommissionen bezahlt worden. Und genau danach sieht es aus. Inzwischen gibt es Lederetuis für Zigarettenschachteln, die so geschneidert sind, dass sie passgenau die Hinweise abdecken. Jugendliche sammeln mittlerweile die Schachteln mit den verschiedenen Aufdrucken. Und im Internet kann man sich mit Alternativsprüchen eindecken, um die Originale zu überkleben. Kostprobe? "Jede Kippe verkürzt ein Leben um einen Tag - ich hab nachgerechnet und bin vor meiner Geburt gestorben."